Mauerfall 1989
Zwischen Jubel und Sorge: Die Mauer ist offen – doch was wird folgen auf den Rausch der historischen Tage, fragt die Münchener Katholische Kirchenzeitung.
Foto: © Bundesstiftung Aufarbeitung
Die Berichterstattung in der Münchener Katholischen Kirchenzeitung fängt die Euphorie nach der Maueröffnung im November 1989 ein, richtet den Blick aber zugleich auf die politischen Folgen. Während eine Reportage die Freude und Begegnungen in Berlin schildert, mahnt Kardinal Meisner die DDR-Bürger, nun „zu Hause zu bleiben“ und „das eigene Haus neu zu bestellen“. Auch Chefredakteur Hans-Georg Becker dämpft im Kommentar die Aufbruchsstimmung: Nach dem „Rausch“ fragt er, ob es nicht doch bald zum „großen Katzenjammer“ kommen werde.
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Franz von Assisi
Auch 800 Jahre nach seinem Tod hat der Heilige noch viel zu sagen
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Und was jetzt?
Frei nach Goethe: »Wir können sagen, wir sind dabeigewesen!« Ja, dabeigewesen sind wir alle, auch wenn wir nicht leibhaftig an Ort und Stelle waren. Das beliebte kulturkritische Gemäkele an unserer Medienkultur, die ganz gewiß ihre Schattenseiten hat, wird sich eine Zeitlang verstecken müssen. Vor allem dank Hörfunk und Fernsehen wurden wir in die Lage versetzt, diese unvergeßlichen Tage des nach wie vor geteilten Deutschland aus der Nähe mitzuerleben.
Wie ein Rausch ging das alles über uns hinweg, erfaßte die Menschen in Deutschland-Ost und Deutschland-West wie ein Taumel der Begeisterung. Ein ungeheures Erlebnis. Aber … Denkt man das Gleichnis vom Rausch konsequent zu Ende, dann stellt sich unweigerlich auch die Frage nach dem ein, was ihm auf dem Fuße folgt: Wird es bald auch zum großen Katzenjammer kommen?
Ein übler Kritikaster, wer in diesen überwältigenden Stunden und Tagen der Freude in den überschäumenden Becher der Begeisterung Wermutstropfen träufelt.
Aber es hilft nichts: Die Frage nach der Zukunft muß gestellt werden, vor allem von den verantwortlichen Politikern. Was kommt auf uns in der Bundesrepublik Deutschland zu, wie kann die Flut der Flüchtlinge und Übersiedler bewältigt werden? Und: Was passiert jetzt in der DDR, wo eine zwar zutiefst verunsicherte Sozialistische Einheitspartei trotz aller Anzeichen dafür, daß sie abgewirtschaftet hat, mit Klauen und Zähnen versuchen wird, sich die Macht nicht entreißen zu lassen?
Denn darüber sollte man sich keinen Illusionen hingeben: Von demokratischen Zuständen ist man dort, bei manchem Ansatz, weit entfernt. Mit der Öffnung der Grenzen hat Krenz erst mal Dampf ablassen können. Doch jetzt wird es erst richtig spannend.
Hans-Georg Becker, Chefredakteur
Unter dem Beifall der Menge in den Westen
Nach 28 Jahren und drei Monaten öffnete sich für die Ost-Berliner Bürger die Mauer
Berlin, Übergang Heinrich-Reine-Straße, Freitag mittag, 10. November: Auf der Westseite herrscht eine Stimmung wie bei einem Stadt-Marathon-Lauf. Hinter rot-weißem Absperrband johlen und rufen Hunderte von Westberlinern immer dann, wenn wieder ein Trabi an dem freundlich dreinblickenden DDR-Grenzposten vorbei in den Westen der Stadt rollt. Die Mauer ist offen! Fast auf den Tag genau nach 28 Jahren und drei Monaten können Ostberliner wieder West-Berlin besuchen – ohne Formalitäten.
»Wir kriegen den Mund gar nicht mehr zu«, sagt Christi Weber. Sie blickt vom Pfarrbüro der katholischen Gemeinde Sankt Michael (West) in Kreuzberg seit den Morgenstunden über Mauer und Todesstreifen hinweg zu der Menschenschlange, die sich vor dem Grenzübergang im Osten bildet. An diesem Morgen hat sie schon »richtig geheult«. Da hat so gegen neun Uhr plötzlich und unvermutet der Pfarrgemeinderatsvorsitzende Thomas Motter aus dem Ostteil der Sankt-Michaels-Gemeinde vor ihr gestanden. Er hatte auf dem Weg zur Arbeit in Ost-Berlin die Menschentraube an der Grenze gesehen und »mal eben eine Biege gemacht« – und war mit dem Fahrrad in Sankt Michael (West) vorbeigefahren, bei jenem Teil der Pfarrei, der am 13. August 1961 durch die Mauer vom Gotteshaus im Osten Berlins getrennt worden war. Christi Weber: »Ich bin aus Wunsiedel im Fichtelgebirge; hatte keinerlei Kontakte in den Osten, bis ich in diese Gemeinde kam. Durch die Menschen habe ich erst begriffen, was die Teilung der Stadt und Deutschlands heißt.«
Gemeindereferent Reinhard Herholte hatte sich mit seiner Frau Susanne noch in der Nacht zum wenige hundert Meter von der Kirche entfernten Grenzübergang Heinrich-Reine-Straße aufgemacht. Die beiden erlebten Volksfeststimmung. Selbst die Volkspolizisten bewiesen Humor: »Haut nicht zuviel zur Begrüßung auf unsere Autos – wir haben in der DDR nicht soviel Blech.« Gegen 4.30 Uhr klingelte es Sturm an Herholtes Haustür – gleich an der Mauer. Pfarrer Josef Mann mit seiner Haushälterin, Frau Freiwald, auf nächtlicher Stippvisite. Sein Wunsch zur frühen Morgenstunde: Er möchte die Kirche von Sankt Michael (West) sehen, die er noch nie besuchen konnte. Um sechs Uhr muß er, weil er Handwerker erwartet, wieder im Osten sein.
Während Christi Weber mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, kommen ihr vier Kinder untergehakt entgegen, sie singen: »Ost oder West – Berlin bleibt Berlin.«
An einem Aussichtspunkt an der Mauer sind zwei grüne Patrouillenfahrzeuge der amerikanischen Schutzmacht vorgefahren. Einer der Soldaten springt heraus, fotografiert die Kollegen vor der Mauer: Nein, er glaubt nicht, daß dies das Ende ihrer Mission hier sei. Aber es sei ein historischer Augenblick. »Man müßte diesen Tag zum Feiertag erheben«, sagen die beiden Ostberliner Kraftfahrer Andreas Neumann (20) und Christoph Schulz (28) am Übergang Heinrich-Reine-Straße.
»Wir waren im Rathaus Spandau und am Zoologischen Garten, davon hatten wir schon gehört.« Was sie in ihren Plastiktüten haben? »Alles, was teuer ist: Konserven und Obst, damit die Kinder endlich mal nicht nur zu Weihnachten Apfelsinen essen können.« Mit einem Strauß bunter Herbstastern im Arm steht Marion Lücke am Grenzübergang: »Wenn ich überlege, wie oft ich hier mit meinem Sohn gestanden habe, und er dann fragte: Warum geht es denn hier nicht weiter?« Die junge Frau und ihr zehnjähriger Sohn Philipp versuchen, jedem einreisenden Ostberliner Autofahrer eine Blume zu überreichen – ein Willkommensgruß. Erst einmal im Westen, treten die meisten aufs Gas und brausen lachend und winkend unter dem Beifall der Menge davon. Philipp soll »dieses historische Ereignis so bewußt erleben, daß er es nie mehr vergißt«, sagt die Mutter.
Wolfgang Rollik
Eine Sehnsucht ist in Erfüllung gegangen
Als einen »großen Tag für die Menschen im anderen Teil Deutschlands« hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, die Öffnung der Grenzen der DDR bezeichnet. Der Bischof wörtlich: »Unsere tiefe Bewegung, unsere Freude und Dankbarkeit ist verbunden mit der Hoffnung, daß der jetzige Weg fortgesetzt wird.«
Der Bischof von Berlin und Vorsitzende der Berliner Bischofskonferenz, Georg Sterzinsky, forderte die Katholiken in der DDR zur Besonnenheit auf. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner sprach von einem »Markierungspunkt, der dem Gedächtnis des deutschen Volkes unvergeßlich bleiben sollte«. Sterzinsky sagte, die Entwicklung dürfe nicht in Unordnung umschlagen und von Kräften genutzt werden, »die diese Stunde für ihre Zwecke zum Unheil nutzen« wollten. Über die jüngste Entwicklung in der DDR zeigte sich Sterzinsky »aufs äußerste überrascht«. Sie übertreffe alle Erwartungen.
Meisner appellierte an die Bürger der DDR, »nun zu Hause zu bleiben« und »das eigene Haus neu zu bestellen«. Der Kardinal nannte es »unbeschreiblich«, was die DDR-Bürger in den vergangenen 40 Jahren gelitten hätten und wie sie enttäuscht und in ihrer Menschenwürde verwundet und verletzt worden seien. Neben »Kriegsversehrten« gebe es in der DDR eine Vielzahl »Ideologieversehrter«.
Der stellvertretende Vorsitzende der Berliner Bischofskonferenz, Bischof Joachim Wanke, bewertete die Öffnung der Grenzen als ein erkennbares Bemühen der DDR-Regierung, grundlegende Änderungen der bisherigen Situation herbeiführen zu wollen. Vorrangig sei es jetzt, daß in naher Zukunft freie und geheime Wahlen in der DDR stattfänden.
Kardinal Friedrich Wetter zeigte sich beeindruckt, »daß der Freiheitswille der Deutschen in der DDR endlich die Mauer übersprungen« habe. Dieser »historische Vorgang« zeige, daß Menschen nicht auf Dauer ihrer grundlegenden Rechte beraubt werden könnten. Wetter wörtlich: »Ich bekunde meinen großen Respekt vor allem gegenüber den Menschen, die sich in der DDR jetzt der Aufgabe stellen, diesem Staat ein menschliches Gesicht zu geben.«
Mit der Grenzöffnung ist nach Ansicht des Präsidenten der deutschen Sektion der katholischen Friedensbewegung Pax Christi, Bischof Hermann Josef Spital, »eine seit fast 30 Jahren aufgestaute Sehnsucht der Deutschen in der DDR in Erfüllung gegangen«. Seine Freude über die Ereignisse in der DDR bekundete auch der Präsident der Österreichischen Kommission »Justitia et Pax«, der Wiener Weihbischof Florian Kuntner. In einer Sendung von Radio Vatikan war von einem historischen und »beispiellosen Vorgang« sowie von einem Beitrag zur Verwirklichung der Menschenrechte und zur Überwindung des »kalten Krieges« die Rede. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) meinte, mit der Grenzöffnung sei die Mauer »faktisch gefallen«. Das höchste katholische Laiengremium appellierte an die Bürger in der DDR, dort weiterhin mit aller Energie für demokratische Reformen einzutreten. Die Bundesbürger rief das ZdK auf, sich der DDR-Flüchtlinge persönlich zuzuwenden.
Foto: © Archiv
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