2010: Beginn der Missbrauchskrise
Missbrauch in Ettal: Ein Zwischenbericht benennt Gewalt, Versäumnisse und die Bereitschaft zum Neuanfang.
Foto: © KNA
Der am 14. März 2010 in der Münchner Kirchenzeitung erschienene Artikel „Kein Gewaltkloster mehr“ fasst den Zwischenbericht des Sonderermittlers Thomas Pfister zu Missbrauchs- und Gewaltfällen im Kloster Ettal zusammen und verbindet Ermittlungsstand, Reaktionen der Verantwortlichen und angekündigte Konsequenzen. Hervorgehoben wird die Haltung Pater Johannes Bauers: Die Abtei wolle aus den Fehlern der Vergangenheit lernen; Wegschauen und das bewusste Nicht-Wahrhaben-Wollen dürften in Ettal künftig keinen Platz mehr haben.
[inne]halten - das Magazin 21/2026
Gemeinsam durchs Leben
Warum die christliche Ehe nicht irgendeine Institution, sondern ein mystisches Bündnis der Liebe ist
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Kein Gewaltkloster mehr
Sonderermittler legt Zwischenbericht über Missbrauchsfälle in Ettal vor
»Hier in diesem Kloster wurden die Kinder systematisch misshandelt«, sagt der von der Abtei Ettal eingesetzte Sonderermittler, Rechtsanwalt Thomas Pfister, bei der Vorstellung seines Zwischenberichts. »Mein Rechner läuft fast schon heiß. Es kommen Tag und Nacht neue Mails.« Größtenteils handle es sich um Schilderungen massiver Körperverletzungen. Mehr als zehn Patres hätten früher »brutalst geprügelt«. Die Sexualstraftaten fielen dagegen zahlenmäßig geringer aus. Eine systematische Kultur des Verschweigens und des »schuldhaften Wegsehens im Grenzbereich zur strafrechtlich relevanten unterlassenen Hilfeleistung« habe diese Verfehlungen an schätzungsweise rund hundert Opfern erst ermöglicht.
Im Kern geht es nach Pfisters Worten um Vorwürfe gegen fünf noch lebende sowie einen bereits Verstorbenen Benediktiner. Gegen drei der Patres ermittelt die Staatsanwaltschaft. Einer von ihnen soll Schüler des ordenseigenen Gymnasiums über Jahrzehnte hinweg derart massiv geschlagen haben, dass einige zu Bettnässern wurden. Noch im vergangenen Jahr verpasste er zwei Fünftklässlern Kopfnüsse. Über deren Intensität machten Pfister und der kommissarische Schulleiter Wolf Rall allerdings unterschiedliche Angaben. Zudem habe der betreffende Pater ein sexuelles Verhältnis zu einer 16-jährigen Schülerin unterhalten. Ihn weiterhin als Lehrer mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt treten zu lassen, sei ein »vermeidbarer Fehler« der Klosterleitung gewesen, so Pfister. Der zurückgetretene Abt Barnabas Bögle und der bisherige Schulleiter Pater Maurus Kraß hatten ihrer »tiefen Beschämung« zwei Tage zuvor in einer persönlichen Erklärung Ausdruck verliehen (siehe »Wörtlich«).
Grundsätzlich stellte Pfister jedoch fest, dass im Kloster Ettal im Jahr 1990 ein Wandel erfolgt sei. Die Abtei sei heute kein »Kloster der Gewalttätigkeiten« mehr. So habe man 2005 »wirklich umgehend« gehandelt, als Vorwürfe gegen einen Mitbruder auftauchten, betonte der Cellerar des Klosters, Pater Johannes Bauer. Nach damaligem wie derzeitigem Erkenntnisstand liege in diesem Fall kein sexueller Missbrauch vor. Das Ergebnis der Staatsanwaltschaft bleibe jedoch abzuwarten. Sie prüft Aussagen, wonach der betreffende Geistliche Schüler nicht nur bei sich auf dem Schoß sitzen ließ und unter dem T-Shirt streichelte, sondern ihnen auch in die Unterhose gegriffen haben soll. Im Fall des verstorbenen Paters ist der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs hingegen erwiesen. »Diese Taten sind nicht zu entschuldigen und belasten uns sehr«, so Bauer.
Ein weiterer Benediktiner hat sich im Zuge der Ermittlungen selber bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Er hatte kinderpornografische Filme auf seinen Computer heruntergeladen und Fotos von Schülern mit nacktem Oberkörper auf Homosexuellen-Seiten ins Internet gestellt. Deshalb war die Staatsanwaltschaft vergangene Woche nach Ettal gekommen, um Beweismaterial zu sichern.
»Wir wollen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen«, versprach Bauer. »Ein Wegschauen und ein Nicht-Wahrhaben-Wollen darf es bei uns in Ettal nicht mehr geben.« Zuvor hatte der Pater gestanden, dass er während seiner Zeit als Erzieher im Internat von 1985 bis 1987 selbst Kinder »brutal körperlich misshandelt und gedemütigt« hatte: »Ich habe die Kinder damals nicht nur ins Gesicht geschlagen, sondern auch beispielsweise mit einem Bügel den Hintern versohlt.« Das tue ihm sehr leid und er bitte dafür von Herzen um Verzeihung. Betroffene bat er, sich direkt bei ihm zu melden.
Darüber hinaus stehen Opfern weiterhin die beiden Ombudsmänner, Monsignore Siegfried Kneißl und Rechtsanwalt Burkhard Göpfert, als Ansprechpartner zur Verfügung. Des Weiteren können sie sich an die psychotherapeutische Ambulanz für Erwachsene der »Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie« in München wenden.
Daneben will die Abtei ihre pädagogische Arbeit mit einer Reihe von Maßnahmen verbessern: Die Pädagogikkonferenzen der in Schule und Internat tätigen Mönche sollen verstärkt werden. Junge Ordensmitglieder sollen mit Hilfe eines Sozialpädagogen als Supervisor besser auf ihre Arbeit mit Kindern vorbereitet werden und sich im Rahmen ihrer Ausbildung verstärkt mit ihrer eigenen Sexualität auseinandersetzen. Zur geistlichen Neuausrichtung hat der Konvent beim Heiligen Stuhl eine apostolische Visitation beantragt.
Generalvikar Peter Beer erklärte, die Erzdiözese sei zuversichtlich, dass der Benediktinerabtei Ettal mit Schule und Internat eine Neuorientierung gelingen werde. Das Bistum wolle auch in schwieriger Zeit Solidarität mit dem Kloster zeigen. Die ernst gemeinten Anstrengungen zur Klärung der Vorwürfe seien eine gute Basis für die Zukunft.
Karin Hammermaier/sch
Foto: © Archiv



