125 Jahre Michaelsbund
02.10.2026

Der 11. September

Die Münchner Kirchenzeitung deutet die Anschläge vom 11. September 2001 zwischen Erschütterung und Hoffnung.
    

Foto: © IMAGO / ZUMA Press Wire

In der Münchner Kirchenzeitung vom 23. September 2001 stehen beide Texte unmittelbar unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September. „Das Menetekel von Manhattan“ verbindet politische und wirtschaftliche Analyse mit einem ethisch-religiösen Appell: Terrorismus müsse bekämpft, zugleich aber nach seinen Ursachen wie Fanatismus, Unterdrückung und sozialer Ungerechtigkeit gefragt werden. 

Kardinal Friedrich Wetter setzt in seiner Ansprache auf dem Marienplatz einen geistlichen Gegenakzent zu Gewalt und Vernichtung: „Kein Tod, kein Schrecken, keine Katastrophe wird über das von Gott geschenkte Leben triumphieren und den Frieden, den er aufrichten wird, zunichte machen. Das ist unser Glaube, das gibt Hoffnung auch in dieser Stunde.“
    

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Das Menetekel von Manhattan

Die Welt muss den Terrorismus und seine Wurzeln bekämpfen

Dieser 11. September wird uns in Erinnerung bleiben. Hat er die Welt verändert? Amerikas Präsident sprach von Krieg und von einer nationalen Tragödie. Der deutsche Bundeskanzler beklagte einen »Anschlag auf die gesamte zivilisierte Welt«. Und was wird kommen? Nahezu jede Vorhersage ist Spekulation. Sicher ist nur: Amerika, der verwundete Riese, wird zuschlagen, sobald es einen begründeten Verdacht gibt – mit aller Härte. Vielleicht ist der Militärschlag gegen den unsichtbaren Feind schon geschehen, wenn diese Zeitung erscheint.

Dabei kann man nur sehnlich wünschen: Erstens, dass alle politischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind – etwa wenn es darum geht, den Hauptverdächtigen, den fanatischen Terroristen und Amerika-Hasser Osama bin Laden zu ergreifen. Zweitens sollte eine unvermeidbar gewordene militärische Intervention gleichsam mit dem Seziermesser ausgeführt werden, um Unbeteiligte und Unschuldige zu verschonen. Das Leben einer muslimischen Frau oder eines Kindes in Afghanistan ist nicht weniger wert als das Leben eines amerikanischen Bankmanagers, der unter den Trümmern des World Trade Centers begraben wurde.
In dieser Situation über ökonomische Folgen nachzudenken, ist nicht pietätlos sondern notwendig. Hier ist eins gewiss: Die Weltwirtschaft wurde geschockt. Aber sie und besonders das Finanzsystem wird den Schock überwinden. Die Banken werden funktionsfähig bleiben, Unternehmen werden weiter produzieren und Dienste anbieten, Behörden werden arbeiten, Sicherheitskräfte hoffentlich noch viel achtsamer werden. Die Börsen reagierten im ersten Schock mit massiven Kursstürzen, anhaltende Panikreaktionen sind bisher ausgeblieben.

Was die nächsten Wochen und Monate bringen werden, ist freilich ungewiss. Viel hängt davon ab, wie Millionen US-Bürger reagieren werden. Ihr Verhalten wird, wie schon bisher, das weltwirtschaftliche Klima maßgeblich beeinflussen. Das ist übrigens auch eine Frucht der totalen wirtschaftlichen Vernetzung, die man Globalisierung nennt. Wenn die verunsicherten Amerikaner ihre Käufe von Konsumgütern aller Art kräftig reduzieren, dann kann aus dem Konjunkturabschwung eine Rezession werden, die dann auch auf Europa, auf Deutschland, übergreifen würde. Das hieße: mehr Arbeitslose, politische Unsicherheit, weitere Verluste auf den Aktienmärkten. Ebenso möglich ist aber eine Trotzreaktion: Jetzt erst recht. Wir lassen uns unsere Handlungsfreiheit nicht von Terroristen nehmen!

Aber jenseits aller politischen und wirtschaftlichen Überlegungen zeigen die Angriffe auf ein Symbol des Kapitalismus und auf das Herz des amerikanischen Militärapparats, wie verwundbar selbst die vermeintlich stärksten Systeme sind. Man muss kein weltfremder Träumer sein, um in den geborstenen Türmen des Welthandelszentrums eine Art von babylonischem Turm zu sehen, der im Sturz tausende Menschen mit sich gerissen hat. Das Menetekel, das am 11. September an die Wand geschrieben wurde, fordert nicht nur Kampf gegen den Terrorismus, sondern auch gegen seine Wurzeln: religiösen Fanatismus, politische Unterdrückung, wirtschaftliche Not. Das müsste Anlass sein, auch über die riesigen Ungerechtigkeiten in dieser Welt nachzudenken, über die tiefen Gräben zwischen Reich und Arm. Sie schüren Hass. Atombomben werden heute auch in Entwicklungsländern gebaut.

Volker Wörl


Kardinal Wetters Ansprache auf dem Marienplatz

Eine furchtbare Katastrophe hat die Menschen in den Vereinigten Staaten getroffen. Brennende und von Qualm durchzogene Viertel in mehreren Städten sind ein Symbol für die Sprache des Todes und der Vernichtung. Was dort heute geschah, hat auch uns tief getroffen.

Auf diesem Platz haben wir uns schon oft unter dem Bild Mariens versammelt. Maria zeigt uns Jesus, den Sohn Gottes, der für uns Mensch geworden ist, um der Welt den Frieden zu bringen. Dieses Bild auf der Mariensäule ist ein Symbol des Lebens und des Friedens. Kein Tod, kein Schrecken, keine Katastrophe wird über das von Gott geschenkte Leben triumphieren und den Frieden, den er aufrichten wird, zunichte machen. Das ist unser Glaube, das gibt Hoffnung auch in dieser Stunde. In diesem Glauben bitten wir den Herrn der Geschichte um Frieden unter den Völkern, den Kulturen und Religionen. Wir dürfen nicht bei den Bildern des Schreckens verharren. Wir müssen gerade dann Gedanken des Friedens denken, wenn Gewalt und Hass entflammen.

Wir denken in dieser Stunde an die Menschen, für die die Gewalttaten zum Inferno wurden. Wir bitten für sie und ihre Angehörigen. Und wir bitten für die Verantwortlichen, dass sie ihrer Verantwortung vor Gott inne werden und im Vertrauen auf ihn Frieden, Recht und Ordnung schaffen.

Foto: © Archiv
Paul Hasel
Artikel von Paul Hasel
Redakteur, Channel-Management