Die erste Nacht

Sizilianische Novellen
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Buchprofile - Rezension
Umgekehrter Gottesbeweis: Luigi Pirandellos tragikomische Novellen erzählen vom Geheimnis des Geschöpfs.
Italien ist das Mutterland der Novelle, und Luigi Pirandello ist der Boccaccio der Moderne. Aus dem reichhaltigen Novellenwerk des Nobelpreisträgers von 1934 hat Andreas Nohl für die Reihe „Steidl Nocturnes“ eine Auswahl getroffen, die ganz fabelhaft in Pirandellos Erzählkunst einführt. Es ist ein Erzählen, das die novellistische Dynamik, die wir von Kleist kennen, mit grotesken Einfällen übersteigt und auf ein Geheimnis hinauslaufen lässt, das in den Personen selbst steckt. Woher kommt das unbändige Lachen mitten im Schlaf, an das sich Signor Anselmo nicht erinnern kann? Warum erwacht ein Mann mit einem wertvollen Geldschein und dem Foto einer jungen Frau auf dem Boden eines verlassenen Bahnhofs? Und was sagt der Autor in seiner sonntäglichen Sprechstunde mit seinen künftigen Romanfiguren zu jemandem, der aus einem anderen Roman entsprungen ist, um bei ihm Rat zu holen? Die Antworten überraschen die Leser/-innen und geben zu denken: Denn Anselmo träumt Unsinn („Du lachst“), der reiche Mann findet sich an seinem armseligen Lebensende („Wie ein Tag“), und der ausschweifend ehrgeizigen Romanfigur werden die Leviten gelesen („Die Tragödie einer Person“). Diese letzte der neun sizilianischen Erzählungen Pirandellos ist die munterste und zugleich tragikomischste der Sammlung. Mit leichter Hand bekennt sich hier der Autor zu den Figuren, die er erfunden hat, so widerborstig und unleidlich diese auch sein mögen, und demonstriert an ihnen eine Art umgekehrten Gottesbeweis: Das Leben und Gedeihen der Geschöpfe liegt ganz in der Macht ihres Schöpfers, der gütig ist, aber auch gerecht und keine Form von Hybris duldet. Wer sich auf Pirandellos Figuren einlässt, ihnen zuhört und etwas zutraut wie der fabulierlustige Autor, der wird belohnt und lernt, dass die Vorstellung, immer der gleiche für alle zu sein, eine Illusion ist, wie es Pirandello selbst einmal sagte. Sehr empfehlenswerte Novellen über tragikomische Schicksale.
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Artikelbeschreibung

Luigi Pirandello, der Dramatiker und Erzähler, hatte die Angewohnheit, am Sonntagvormittag Sprechstunden für Personen abzuhalten, die aufgrund ihres besonderen Schicksals in seine Stücke oder Erzählungen aufgenommen werden wollten. Manche, die besonders aufsässig waren, schickte er wieder fort, aber den meisten lieh er sein Ohr, und so entstand nicht nur das weltberühmte Theaterstück Sechs Personen suchen einen Autor, sondern auch ein Großteil seiner Novellen. Mit dieser ironischen Selbstbeschreibung seiner Arbeit eröffnet der vorliegende Band, um dann in die ebenso karge wie intensive Lebenswelt Siziliens einzumünden. Große und kleine Tragödien von Witwen und Waisen, Frommen und Frömmlern - Grotesken, die das menschliche Maß übersteigen und doch mitten aus dem Leben gegriffen sind. All diese leidvollen und mit tiefer Empathie beschriebenen Verhältnisse - die alte Mutter, die ihren hilfsbereiten Sohn nicht sehen will, der Mann, der immer im Schlaf lacht, die junge Witwe und der alte Witwer, die sich in ihrer Hochzeitsnacht auf dem Friedhof einfinden - haben ein erschütterndes oder absurdes Geheimnis. Über allem waltet der klare südliche Himmel, in dem der junge Ciàula, der nur die Arbeit im Schwefelbergwerk kennt, eines Nachts zum ersten Mal den Mond entdeckt.

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Personeninformation

Pirandello, LuigiLuigi Pirandello, geboren 1867 als Sohn eines Schwefelgrubenunternehmers, wuchs in Agrigent und Palermo auf. Bereits während seiner Schulzeit veröffentlichte er erste literarische Versuche. Ab 1887 studierte er Romanische Philologie in Rom und Bonn. 1892 kehrte Pirandello nach Italien zurück und arbeitete als freier Schriftsteller und Journalist, heiratete und wurde 1908 zum Ordentlichen Professor ernannt. Mit seinem Theaterstück Sechs Personen suchen einen Autor erlangte er 1921 Weltruhm. Sein Verhältnis zum italienischen Faschismus, für ihn der Nachfolger der fasci, der sozialistischen Partei Siziliens, für die er sich in seiner Jugend engagiert hatte, blieb zeitlebens ambivalent: Zwar ließ er sich von Mussolini hofieren und trat der Faschistischen Partei bei, zerriss aber später demonstrativ seinen Parteiausweis. Im nationalsozialistischen Deutschland war sein Werk verboten. 1934 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Pirandello starb 1936 in Rom.
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