Hospiz
Für die Hospizarbeit: Anja Kobs plant 3.000-Kilometer-Radtour durch Deutschland
30 Tage, 3.000 Kilometer, 15 Hospize: Mit einer Fahrradreise durch Deutschland will die ehemalige Leistungssportlerin Anja Kobs die Hospizarbeit stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Ihre Botschaft: das Leben nicht auf später verschieben.
Hospizbegleiterin Anja Kobs Foto: © Jutta Thiel/KNA
Alling - 30 Sommer und 30 Winter - das ist ungefähr die Lebenszeit, die Anja Kobs noch vor sich sieht. „Vor allem wenn man das in 360 Monate oder 1.560 Wochen umrechnet, merkt man, wie endlich das Leben ist“, sagt die 49-Jährige aus dem oberbayerischen Alling im Landkreis Fürstenfeldbruck. Seit zehn Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich im Hospiz Germering. Jeden zweiten Freitag spricht die ehemalige Leistungssportlerin dort mit den Hospizgästen, macht die Wäsche und fragt, was sie essen möchten.
Besonders berühren sie Menschen, die in ihrem Alter oder jünger sind. „Wenn ein 45-Jähriger im Hospiz ist, denke ich: vier Jahre jünger als ich - und vielleicht erlebt er seinen nächsten Geburtstag nicht mehr.“ Angst vor dem eigenen Sterben oder vor Schmerzen kenne sie nicht. Sie vertraue darauf, dass die Medizin Schmerzen inzwischen gut lindern könne. „Wovor man Angst haben muss, ist, dass man vorher nicht gelebt hat“, sagt sie.
Das Leben ist keine Vorratskammer
Kobs vergleicht das Leben mit einem Vorrat, bei dem niemand weiß, wie lange er reichen muss. „Wenn ich einen gefüllten Kühlschrank habe, weiß ich: Das reicht für drei Tage.“ Auch 1.000 Euro auf dem Konto ließen sich einteilen. Beim Leben sei das anders: Niemand wisse, wie lange es noch dauern werde - und vor allem, wie lange man gesund bleibe.
Deshalb versucht Kobs, Entscheidungen nicht aufzuschieben. „Wenn ich etwas wirklich will, dann gibt es kein Aber. Dann mache ich das. Sofort.“ In ihrem Leben hat sie schon mehrfach einen neuen Weg eingeschlagen und dafür Vertrautes hinter sich gelassen. Zunächst gab sie ihre Arbeit als Managerin in der Finanzdienstleistung auf, später beendete sie ihre Karriere als Leistungssportlerin.
Noch 2024 feierte sie große Erfolge: Deutsche Meisterin im Ultramarathon über 50 Kilometer und Deutsche Vizemeisterin im Ultratrail über 73 Kilometer; die Deutsche Ultramarathon-Vereinigung zeichnete sie als „Sportlerin des Jahres“ aus.
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Den Leistungssport aufzugeben, war schwer
Trotzdem aufzuhören, war für Kobs nicht leicht. Die Entscheidung zog sich über fünf Monate hin. Mit dem Leistungssport habe sie auch einen Teil ihrer Identität aufgegeben, sagt Kobs. „Aber dauerhaft solche hohen Laufumfänge - das kann ich meinem Körper nicht zumuten. Schließlich habe ich nur diesen einen.“
Wichtig war ihr, dieses Kapitel selbstbestimmt zu beenden. Die Offenheit, nicht zu wissen, wie es weitergeht, könne sie heute aushalten. „Ich habe eine Vorstellung davon, wohin ich will, muss aber nicht jeden Schritt im Voraus festlegen“, sagt Kobs.
Radeln für die Endlichkeit
Auch nach dem Ende ihrer Leistungssportkarriere setzt sich Kobs neue Ziele. Eines hat sie bereits: Im kommenden Jahr will sie rund 3.000 Kilometer mit dem Fahrrad durch Deutschland fahren und dabei 15 Hospize besuchen. Die 30-tägige Tour soll auf die Hospizarbeit aufmerksam machen und Spenden für die Kinderhospizarbeit sammeln. „Das geht euch alle etwas an. Denn ihr werdet alle irgendwann einmal sterben“, sagt Kobs.
Die Radtour verbindet für die Sportlerin beides: ihre Freude an der Bewegung und ihre Erfahrung in der Begleitung Sterbender. „Mir hilft der Sport fürs Hospiz, und mir hilft das Hospiz für den Sport - aber auch für mein privates Leben“, sagt sie. So kommt es für Kobs nicht darauf an, möglichst alt zu werden. „Es geht doch nicht darum, dass wir 100 oder 120 Jahre alt werden. Es geht darum, wie wir alt werden und wie wir leben.“
Der Glaube an eine höhere Macht
Auch ihr Glaube prägt ihren Blick auf das Leben. Vor und nach Wettkämpfen habe sie Gott dafür gedankt, überhaupt an der Startlinie stehen zu können. Sie glaube an eine höhere Kraft, sagt sie, daran, dass alles miteinander verbunden sei und jemand auf sie aufpasse. Katholisch aufgewachsen, sei sie lange Ministrantin gewesen; heute fühle sie sich keiner bestimmten Religion eindeutig zugehörig. Im Dezember wird Kobs 50. Sie würde gerne noch nach San Francisco oder nach Südamerika reisen. Doch sie empfinde ihr Leben nicht als unvollständig, falls daraus nichts mehr werde. Sie habe vieles ausprobiert und nichts Wesentliches auf später verschoben. „Ich bin auf der Plusseite des Lebens“, sagt Anja Kobs. „Für mich ist alles, was jetzt noch kommt, Zugabe.“



