Krisen und Chancen
13.10.2026

Helga Schubert nach dem Tod ihres Mannes: Zwischen Trauer und neuer Freiheit

Mehr als zehn Jahre pflegte die Schriftstellerin Helga Schubert ihren schwer kranken Mann. In ihrem neuen Buch „Die Woche danach“ erzählt die 86-Jährige, wie sie mit ihrem Glauben und dem Schreiben den Verlust verarbeitet und in ein selbstbestimmtes Leben zurückfindet.

Schriftstellerin Helga Schubert. Schriftstellerin Helga Schubert. Foto: © Michael Althaus/KNA

Als die Männer vom Bestattungsunternehmen ihren Mann aus dem Haus tragen, weiß Helga Schubert schon, dass sie darüber schreiben wird. Mehr als zehn Jahre hatte die Schriftstellerin ihren schwer kranken Ehepartner gepflegt. Johannes Helm, den sie in ihren Büchern „Derden" nennt, litt unter anderem an Herz- und Nierenproblemen und war zuletzt dement. Kurz vor seinem Tod bekam er einen Darmverschluss. Er starb im August vergangenen Jahres im Alter von 98 Jahren zu Hause.

Helga Schubert und
ihr Buch über den Abschied

In ihrem neuen Buch „Die Woche danach. Ein Stundenbuch der Hoffnung", das am Donnerstag erscheint, erzählt Schubert von der ersten Zeit nach diesem Einschnitt. Es geht um Trauer, aber auch um Erleichterung und die Frage, wie ein neues Leben mit Mitte 80 aussehen kann. Ihr bisheriges Leben sei mit seinem Tod zu Ende gewesen, schreibt sie.

Schubert wurde 1940 in Berlin geboren und arbeitete zunächst als Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der DDR. 2020 gewann sie mit der Erzählung „Vom Aufstehen" den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2024 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Landeskulturpreis Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet. Heute lebt die Autorin in einem kleinen Dorf bei Schwerin. Schon 2023 schrieb sie in „Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe" über ihren Alltag mit ihrem pflegebedürftigen Mann.
    

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Ein Pastor spricht ihr die Absolution zu

Nach seinem Tod stellte sich neben der Trauer schnell auch ein Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung ein. Zunächst habe sie deswegen ein schlechtes Gewissen gehabt, erzählt Schubert. Ein Pastor bemerkte das und kam am nächsten Tag noch einmal vorbei. Schubert sagte ihm, sie habe das Gefühl, als habe sie „eine ganz, ganz schwere Examensarbeit abgegeben“. Der Pastor antwortete: „Und die haben Sie auch bestanden.“ Das sei für sie wie eine Absolution gewesen.

Nach Jahren der Pflege
kehrt die Freiheit zurück

Jahrelang war Schubert nachts immer wieder aufgestanden, hatte Medikamente gegeben, sich um Sauerstoff gekümmert und ihren Mann kaum allein lassen können. Diese Verantwortung fällt nun weg. Sie kann tagsüber schreiben, Besuch empfangen, Einladungen annehmen und verreisen. Nach fast zwei Jahrzehnten fuhr sie erstmals wieder an die Nordsee und verbrachte zehn Tage auf Pellworm.

Einsam fühle sie sich nicht, sagt Schubert. Freunde, Nachbarn und Menschen aus ihrer evangelischen Kirchengemeinde seien für sie da. Ihr christlicher Glaube spielt eine wichtige Rolle. Er gebe ihr eine innere Geborgenheit. Auf dem Friedhof liegt neben der Grabplatte ihres Mannes bereits ihre eigene. Das möge auf andere befremdlich wirken. Ihr selbst gebe es Ruhe.

Schubert, Helga Die Woche danach
DTV, 2026
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Wie Schreiben und Glaube
Helga Schubert durch die Trauer helfen

Vor allem aber schöpft die 86-Jährige Kraft aus dem Schreiben. In überwältigenden Situationen versuche sie immer, das Erlebte ins Erzählbare zu übersetzen. Das habe ihr auch diesmal sehr geholfen. Noch am Todestag ihres Mannes schickte sie erste Seiten des neuen Buchs an ihre Lektorin.

Auch heute bestimmen Lesen und Schreiben ihren Alltag. „Ich arbeite Tag und Nacht“, sagt Schubert. Das lenkt den Blick nach vorn. Und trotzdem könne ein Lied reichen, damit die Trauer plötzlich wieder da sei.

Helga Schuberts Rat:
Den Tod annehmen und dankbar sein

Wer nach langer Pflege seinen Partner verliert, dem rät Schubert vor allem, den Tod anzunehmen. Das gelte auch für die Situation davor. „Man sollte eine gute, liebevolle Beziehung zu demjenigen haben, der bald sterben wird und dankbar sein, statt sich nur als Opfer des Verlusts zu empfinden.“ Besonders wichtig ist Schubert, dass schwer kranke Menschen nach Möglichkeit zu Hause sterben können. „Das ist eine unglaubliche Beruhigung“. Sie sei von einem Pflegedienst, Ärzten und der Palliativversorgung unterstützt worden. Kurz vor seinem Tod habe ihr Mann sie umarmt und gesagt: „Mein Engel.“

Neue Bücher und Lesungen:
Helga Schubert blickt nach vorn

Still geworden ist es in Helga Schuberts Leben nicht. Obwohl ihr ihre Ärzte raten, Stress zu vermeiden, hat sie beruflich noch viel vor. In diesen Tagen will sie die Frankfurter Buchmesse besuchen und mehrere Lesungen halten, im November hält sie in Marbach als erste Ostdeutsche die Schillerrede. Sie plant unter anderem ein Buch über ihre Großmütter „Klärchen und Wilhelmine" und deren Männer. Außerdem hat sie zahlreiche Gedichte geschrieben, die noch auf eine Veröffentlichung warten.

KNA
Artikel von KNA
Katholische Nachrichten-Agentur
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