Sunday Spazier Club: Gemeinsam gehen, neue Menschen kennenlernen
In Berlin treffen sich Hunderte Menschen, um gemeinsam spazieren zu gehen. Was als virale TikTok-Idee begann, bringt Fremde ins Gespräch.
Foto: © KNA/Julius Rübe
Kurz vor 17 Uhr verdichtet sich die Menge vor einem Café-Pop-up in der Torstraße 94. Der Kaffee ist gratis, Wasser und isotonische Getränke ebenfalls, ein DJ legt auf. Das Wetter ist gut, die Menge bunt gemischt: Teenager stehen neben Männern mit Lederjacke und Vollbart, ältere Paare neben jungen Influencern. Auch die Herkunft der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist vielfältig, manche Frauen tragen Kopftuch.
Viele stehen in Grüppchen von zwei bis fünf Leuten zusammen, doch nicht jeder hat Begleitung. Einige sind allein gekommen, halten einen Becher in der Hand und scheinen darauf zu warten, dass jemand anderes den ersten Satz sagt.
Eine TikTok-Idee bringt
Hunderte Menschen zusammen
Auch in Osnabrück, Frankfurt am Main oder Hamburg gibt es vergleichbare Organisationen. In der Hauptstadt treffen sich seit Mitte Mai jeden Sonntag Hunderte, um gemeinsam durch Berlin zu spazieren. Hinter der Idee steckt Allan Anders, Hip-Hop-Videoproduzent und Content Creator. Die Berliner Running Clubs inspirierten ihn, er traute sich aber lange nicht mitzulaufen, wie er dem Berliner "Tagesspiegel" sagte.
Dann fragte er auf Tiktok, warum es nicht einfach einen Spazierclub geben könne. Das Video ging viral. Zum ersten Spaziergang kamen nach seinen Angaben rund 300 Menschen; an diesem Sonntag sind es 570. Als Ziel gelten bei jedem Spaziergang 10.000 Schritte. Heute werden Pullover mit der Aufschrift "Sunday Spazier Club" verteilt, an alle, die mindestens zum dritten Mal dabei sind. Wer einen trägt, gehört sichtbar dazu.
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„Ich bin schon etwas nervös, so allein hier“
Sichtbar ist hier ohnehin vieles. Überall stehen Influencer und Content Creator und sammeln Bildmaterial. Auf Anders sind ständig mindestens zwei Kameras gerichtet, wohin er auch geht. Er hat wenig Zeit, er muss die Leute manövrieren und sich um alles kümmern. Auf die Frage, ob man den Spazierclub journalistisch begleiten und ein paar Menschen befragen dürfe, lautet die Antwort „Vollgas“ - knapp, aber freundlich. Dann wendet er sich ab und teilt die Menschenmenge, um ein Auto hindurchzulassen. Wenig später kommt eine Teilnehmerin und sagt ihm, dass in der Menge viel gekifft werde. Anders verspricht, sich darum zu kümmern. „Auch wenn hier eigentlich jeder machen darf, was er will“, sagt er.
Am Rand steht Zacharias, er stellt sich als Zachi vor. Er kommt aus Braunschweig, lebt aber schon länger in Berlin. Eigentlich wollte er mit einem Freund kommen, doch der ist krank geworden. Zachi ist trotzdem hingegangen. „Ich bin schon etwas nervös, so allein hier“, sagt er. Er habe sich aber überwunden, um neue Leute kennenzulernen.
Neue Begegnungen
und Freundschaften
Der Tross fließt langsam Richtung Alexanderplatz. Mittendrin läuft Marion, eine Frau mit kurzen blonden Haaren, Anfang vierzig, die schon oft dabei war. Mehrmals grüßt sie jemanden, den sie vom Sehen kennt. Vor sieben Jahren hatte Marion einen Unfall, seitdem ist sie in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt. Den Spaziergang nutzt sie, um durch ihr altes Leben in Berlin zu gehen. Die Route führt an Gebäuden und Orten vorbei, mit denen sie etwas verbindet, und weckt Erinnerungen.
Sie sei dankbar für die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu kommen, ohne sich zu etwas verpflichtet zu fühlen, erzählt Marion. Wenn man genug habe, könne man jederzeit gehen. Die Kameras und die vielen Influencer haben sie anfangs irritiert, manchmal wirkten sie sogar ein wenig einschüchternd. Doch sie habe sich überwunden. Weil sie schon oft dabei war, trifft sie immer wieder dieselben Gesichter. Aus einigen Begegnungen sind Freundschaften geworden.
Foto: © KNA/Julius Rübe
Gemeinsam unterwegs
für mehr Solidarität
Der Spaziergang hat an diesem Tag außerdem einen ernsten Anlass. Er soll Aufmerksamkeit und Solidarität für Menschen mit einer Krebserkrankung schaffen. Anders bittet um eine Runde Applaus für eine betroffene Teilnehmerin. Er fängt an zu klatschen, die Menge schließt sich an. Er ermutigt die Teilnehmenden, mit erkrankten Menschen zu sprechen und mehr über ihre Lebensrealität zu erfahren.
Danach posieren alle für ein Gruppenbild vor dem Fernsehturm. Auch sonst ist die Veranstaltung gut zugänglich, Menschen im Rollstuhl nehmen ohne Probleme teil. Unterwegs wird über alles Mögliche geplaudert. Es geht um die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) und um das Überqueren roter Ampeln, um Freundschaften, Berufe und die Kieze, aus denen man kommt. Hier und da fällt ein Kompliment für ein Outfit oder eine Frisur.
10.000 Schritte durch Berlin
Manche genießen die Zeit unter Menschen und haben Kopfhörer in den Ohren. Zachi geht inzwischen neben zwei Fremden und lacht. Am Alexanderplatz vorbei führt der Weg die Frankfurter Allee hinauf nach Friedrichshain. Die Gruppe wird mit jedem Kilometer kleiner. Manche biegen ab, andere bleiben stehen und verabschieden sich.
Nach rund zweieinhalb Stunden und etwa acht Kilometern endet der Spaziergang an der Warschauer Straße. Am Abend tauchen in der Club-App die ersten Fotos auf: lächelnde Gesichter, Heimwege, Drinks nach den 10.000 Schritten. Und Allan, der einem versichert, dass man heute acht Kilometer gelaufen sei - und deshalb gar nichts mehr machen müsse.



