So lief 1876 das erste Telefonat
Nur knapp drei Kilometer lagen die Gesprächspartner auseinander. Doch das erste wechselseitige Telefonat vor 150 Jahren revolutionierte die Kommunikation. Warum das Telefonat dennoch heute zum Auslaufmodell wird.
Das Gemälde zeigt Alexander Graham Bell zusammen mit seinem Assistenten Thomas Augustus Watson in der Werkstatt. Foto: © imago/GRANGER Historical Picture Archive
„Hallo, können mich alle hören? – Dieser erste Satz gehört inzwischen standardmäßig zu so gut wie allen Online-Seminaren oder -Arbeitstreffen: Spätestens seit der Corona-Pandemie hat sich die Videotelefonie vor allem im beruflichen und universitären Kontext praktisch durchgesetzt. Das Zusammenfinden in Bildschirmkacheln ist inzwischen nicht mehr wegzudenken. Doch wie es bei vermeintlich neuen Techniken eben oft der Fall ist, ist damit auch noch Unsicherheit verbunden – am prägnantesten wohl ausgedrückt in der eingangs erwähnten Frage. Eine schlechte Verbindung oder falsche Mikrofoneinstellungen schüren immer wieder Zweifel an der Perfektion der Technik.
Dabei erging es selbst den Pionieren der Fernkommunikation nicht viel anders. „Mr. Watson, kommen Sie her, ich will Sie sehen“ gilt als der erste verständliche Satz, der am 10. März 1876 über ein Telefon übertragen wurde. Gesprochen wurde er von Alexander Graham Bell, der als Erfinder der revolutionären Technik gilt, an seinen Mitarbeiter Thomas Augustus Watson im gemeinsamen Labor in Boston.
Beginn der Telekommunikationsrevolution
Markieren diese Worte zwar im Allgemeinen den Beginn der Telekommunikationsrevolution, folgte doch das eigentlich spannendere Experiment erst einige Monate später. Am 9. Oktober 1876, vor 150 Jahren, führten Bell und Watson das erste richtige Telefonat. Über einen rund drei Kilometer langen Draht sprach Bell aus seinem Bostoner Labor mit Watson im benachbarten Cambridge.
Dieses Gespräch soll Bell mit den Worten „Ahoi, ahoi! Können Sie mich hören?“ begonnen haben – also tatsächlich sehr nah am zeitgenössischen Videotelefonie-Einstieg. Laut seinen Memoiren ahoite Watson darauf eifrig zurück. Über mehrere Stunden unterhielten sich beide Männer danach über das Gerät, das optisch noch weit vom ikonischen Telefonhörer entfernt war. Der von Graham Bell bevorzugte Seemannsgruß „Ahoi“ konnte sich danach zwar nicht als gängige Begrüßungsformel am Fernsprecher durchsetzen. Der Siegeszug des Telefons war jedoch nicht mehr aufzuhalten.
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Umstrittenes Patent
Schon im Februar des Jahres hatte Graham Bell das Patent für seinen damals noch nicht erprobten Prototypen eingereicht. Der Vorgang war seinerzeit umstritten, da noch am selben Tag auch der Erfinder Elisha Gray sein Telefon patentieren lassen wollte. Dabei waren seine Pläne wissenschaftlich deutlich fundierter als die eher vage gehaltenen Ausführungen von Bell. Letzterer erhielt dennoch den Zuschlag – weil er schneller war und möglicherweise auch strittige Verbindungen zum Patentamt unterhielt – und gilt deswegen seitdem als Erfinder des Telefons.
Im Folgejahr gründete er die Bell Telephone Company, die nach ihrer Umbenennung in American Telephone and Telegraph Company im März 1885 bis heute unter dem Namen AT&T eines der weltweit größten Telekommunikationsunternehmen ist. Doch nun, 150 Jahre nach seiner Entstehung, steht das Telefonat vor zunehmenden Herausforderungen. Während es durch die erwähnten Videokonferenzen im beruflichen und universitären Umfeld zwar noch wachsendes Interesse erfährt, wird im privaten Bereich immer weniger telefoniert.
Scheu vor Telefonaten
So ergab eine Befragung des Branchenverbands Bitkom aus dem vergangenen Jahr, dass insbesondere unter jungen Menschen die Scheu vor Telefonaten stetig wächst. So schöben 44 Prozent der 16- bis 29-Jährigen wichtige Anrufe, etwa bei Ärzten, Versicherungen und Behörden, lieber vor sich her – allein aus Angst und Unsicherheit, mit einer unbekannten Person telefonieren zu müssen. Und selbst im Familien- und Freundeskreis bevorzugten noch über die Hälfte der Befragten aus dieser Altersklasse Textnachrichten gegenüber einem Telefonat.
Dieser Effekt wird sich fortsetzen, sind Forscher überzeugt. Denn mit den als bequemer – aber auch unpersönlicher – wahrgenommenen Alternativen wie Chats und Sprachnachrichten (ja, hier geht es auch um Stimme, aber eben nicht um ein direktes Gespräch), wird das Telefonat immer unattraktiver. Entsprechend nehmen Unwohlsein und Unsicherheit zu, wenn doch mal zum Hörer gegriffen wird. Das stundenlange Gespräch mit einer anderen, körperlosen Stimme – vor 150 Jahren noch der große Durchbruch – wird also inzwischen vielfach eher als unangenehme Belastung wahrgenommen.
Johannes Senk



