Gerechtigkeit
21.08.2026


Konsum und Nachhaltigkeit

Wir wollen alles, und zwar jetzt

Wegen des Niedrigwassers in Flüssen dürfen Lastwägen jetzt auch sonntags fahren – die einen löffeln die Suppe aus, die anderen bezahlen den Preis dafür.

Nur ein Transportmittel oder ein verstecktes Warenlager auf Rädern, um anderswo Lagerkapazitäten einzusparen? – Parkende Lkw an einer deutschen Autobahn. Nur ein Transportmittel oder ein verstecktes Warenlager auf Rädern, um anderswo Lagerkapazitäten einzusparen? – Parkende Lkw an einer deutschen Autobahn. Foto: © imago/Olaf Döring


„Nach unseren Beobachtungen war wohl gestern am Feiertag wie auch heute am Sonntag bislang kaum eine Erhöhung des Lkw-Aufkommens festzustellen. Wenn, dann nur in einem sehr bescheidenen Maße.“ So lautet die erste Bilanz, die der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) für das erste Wochenende ohne Lkw-Fahrverbot am 15. und 16. August gezogen hat. Genauso „bescheiden“ wie die Zunahme des Lkw-Verkehrs auf den Autobahnen wird wohl das Gesamtergebnis der mit großem Tamtam angekündigten Maßnahme zur Rettung der Lieferketten angesichts sinkender Pegelstände der Flüsse ausfallen.

Anfang August hatte Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) den Eindruck erweckt, mit der zeitweiligen Aufhebung des Fahrverbots für Lkw an Sonntagen „alles auf die Straße zu bringen, was geht“. Bilgers Agieren passt gut zum immensen Zeitdruck, unter dem das Transportsystem und die dort Beschäftigten seit Jahrzehnten stehen. Rohstoffe, Vorprodukte und Bauteile müssen stets „auf den Punkt genau“ geliefert werden.  

Schwimmende und rollende Lager

Alle Transportmittel sind dabei zugleich Bestandteil einer riesigen Lagerhaltung: Schiffe dienen oft als schwimmende Lager für Massen- und Rohgüter, Lkw fungieren als „Lagerhallen auf Rädern“. Es ist reine Augenwischerei, wenn nun trotz eines in Teilen maroden und völlig überlasteten Autobahnnetzes einer schnellstmöglichen Umschichtung großer Gütermengen auf die Straße das Wort geredet wird. Dabei fehlt es allerorten an Lkw und vor allem an Fahrerinnen und Fahrern.

[inne]halten - das Magazin 21/2026

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Neue Transportkapazitäten schafft der Sonntag als zusätzlicher Fahrtag nicht, aber er vergrößert den auf den Truckern sowieso schon lastenden Druck ins Unerträgliche. Diese werden die Suppe einer nun immer lautstärker geforderten Liberalisierung des Lkw-Verkehrs auslöffeln müssen. Wenn aus „Montag bis Freitag“ zunehmend „Samstag bis Mittwoch“ oder „Sonntag bis Donnerstag“ wird, verliert das Leben der Fahrer an Qualität, weil Planbarkeit, Familienzeit, Wochenende und soziale Kontakte dem Kapazitätsproblem untergeordnet werden. Hauptsache, der Gewinn stimmt!  

„Logik von Angebot und Nachfrage“

Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung, spricht deshalb gemeinsam mit der Spitze der Wirtschaftsunion von einem „Schritt in die richtige Richtung“ und fordert zudem, „in dieser Krisenzeit mehr Spielraum für die Lenk- und Ruhezeiten und auch für die Arbeitszeitgesetzgebung“ einzuräumen. Es liegt in der Logik von Angebot und Nachfrage, wenn Speditionen schließlich auch am Sonntag mit der Aussicht auf deutlich höhere Frachtraten Logistikleistungen bereitstellen „müssen“. Bislang rettet der Sonntagsschutz uns vor diesen Auswüchsen des Raubtierkapitalismus.

Die Endverbraucher werden am Ende – wie immer – den Preis für die zusätzlich erwirtschafteten Gewinne zahlen. Aber wir Konsumentinnen und Konsumenten sind nicht nur Opfer! Bislang tragen wir mit einer Haltung, die „alles“ „sofort“ geliefert haben will, zur weiteren Überhitzung des Logistiksystems in Deutschland bei. Wir sollten unsere Nachfrage nach ständig neu produzierten Waren und die damit gegebene Abhängigkeit von ständig zu liefernden Rohstoffen überdenken. Weniger Wegwerfkonsum schont nicht nur unseren Geldbeutel, sondern bringt den Menschen, die auf den Straßen Waren für uns transportieren, einiges an Lebensqualität zurück.

Stefan-Bernhard Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands