„Bist Du für oder gegen Israel?“
„Bist Du für oder gegen Israel?“ – In manchen Kreisen ist das eine Schicksalsfrage, die zu Ausgrenzung führen kann. Nach dem Hamas-Überfall vor drei Jahren haben sich Räume vor allem für Juden verengt – oder gar geschlossen.
Gedenkstätte am Ort des Nova-Festivals im Süden Israels, wo die Hamas-Terroristen mehrere hundert Menschen ermordeten. Foto: © imago/SOPA Images
Die Gräben sind tief. Vor drei Jahren, am 7. Oktober 2023, griffen die Terrororganisation Hamas und andere Gruppen Israel an. In der Folge begann die israelische Regierung den Krieg im Gazastreifen. Außerhalb der Region, zum Beispiel in Europa und den USA, steigen seitdem die Zahlen von Antisemitismus stark. Unter anderem, weil Jüdinnen und Juden fälschlich für das Handeln der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden, obwohl sie nicht in Israel wohnen und womöglich gar nicht mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seiner teils rechtsextremen Regierung einverstanden sind.
Immer wieder geht es darum, sich, ob gewollt oder nicht, positionieren zu müssen: Ist man für die Palästinenser, für Israel – oder ist es auch in Ordnung, sich nicht festzulegen? Wer sich nicht eindeutig propalästinensisch äußert, droht im öffentlichen Diskurs, an Universitäten, im Kulturbetrieb oder privat ausgegrenzt zu werden.
Warum nicht Empathie mit beiden Seiten?
Merle Stöver promoviert an der Universität Bielefeld und befasst sich seit langem wissenschaftlich mit Antisemitismus. „Der Zwang, sich zu positionieren, ist problematisch. Empathie mit beiden Seiten zu empfinden, das ist keine Mehrheitsmeinung“, so Stöver.
Am 7. Oktober 2023 hatten die Terroristen israelische Orte und Armeestützpunkte entlang dem Gazastreifen angegriffen. Etwa 1.200 Menschen wurden getötet, rund 250 Geiseln verschleppt. Etliche kamen frei, viele verloren ihr Leben. Die palästinensische Seite beklagt Zehntausende Todesopfer im Gazakrieg. Es folgten Kriege zwischen Israel/USA und dem Iran.
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Differenzierte Haltung ein „Wagnis“
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU), die jüdische Wurzeln hat, sagte einmal der „Welt am Sonntag“: „Wenn man heute abends in einer Berliner Kneipe sitzt und sich als Jude zu erkennen gibt oder auch nur eine differenzierte Haltung zu Israel vertritt, dann kann das durchaus ein Wagnis sein.“ Man sei schnell in der Minderheit.
Das Massaker der Hamas sei Auftakt zu einer „propagandistischen Offensive“ gewesen, so Prien. Die militärische Reaktion der israelischen Regierung sei jedoch absehbar gewesen – „zunächst aus dem legitimen Recht auf Selbstverteidigung heraus, später aber auch mit Maßnahmen, über deren Angemessenheit bis heute gestritten wird“. Ausgrenzung erlebte auch Stöver. Sie berichtet von Versuchen, Vorträge von ihr wegen angeblicher „Meinungsmache“ für Israel zu sabotieren. So aber könnten keine Gespräche über konträre Positionen geführt werden, betont sie.
Humanistischer Standpunkt
„Im Großen und Ganzen stimme ich zu, dass man sich sowohl für die Menschen in Israel als auch in Palästina einsetzen kann“, sagt Stöver. Das sei ein humanistischer Standpunkt. Um ihn einnehmen zu können, müsse man für sich selbst klar sein: Das Existenzrecht Israels dürfe nicht infrage gestellt und das Leid der Palästinenser nicht negiert werden.
Neu sind diese Konflikte nicht, nach Stövers Worten wohl aber die Schärfe: Israelis sowie Jüdinnen und Juden könnten sich in bestimmten Bereichen wie Universitäten mitunter kaum noch ungestört bewegen. Sie würden ausgegrenzt oder angegriffen. Oft gebe es keinen Minimalkonsens mehr – Betroffene zögen sich zurück.
Vergewaltigung als legitime Maßnahme
Stöver berichtet von einem Vorfall an einer Berliner Hochschule, wo das Graffiti „Rape is not Resistance“ gestanden habe. Es spielte auf Vergewaltigungen israelischer Frauen am 7. Oktober 2023 an. Studierende hätten das „not“ entfernt. „Sie waren offenbar der Ansicht, sexualisierte Gewalt sei ein Akt des Widerstandes“, so Stöver.
In Deutschland erfasste die Polizei 2025 einen Anstieg bei der Hasskriminalität: Von den rund 22.000 Fällen waren rund 6.500 antisemitisch motiviert, ein Plus von 5 Prozent. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) dokumentierte 2025 einen leichten Anstieg auf 8.725 antisemitische Vorfälle, von denen nicht alle Straftaten sind. Die internationale jüdische Initiative „J7“ schreibt in ihrem Jahresbericht, dass 2025 für die jüdische Gemeinschaft außerhalb Israels das Jahr mit der höchsten Zahl an Todesopfern seit 1994 gewesen sei. Demnach wurden bei Angriffen in Australien, England und den USA 20 Menschen getötet.
Was ist antisemitisch?
Die Frage, was antisemitisch ist, wird ebenfalls diskutiert. Zum Beispiel bei israelbezogenem Antisemitismus, der nach dem 7. Oktober 2023 verstärkt im Fokus steht. Nach gängiger Definition liegt er vor, wenn israelische Politik mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt oder Israel als das ultimativ Böse dargestellt wird.
Kritiker monieren, dass mit dem Antisemitismusvorwurf in manchen Fällen jede Kritik am Handeln der israelischen Regierung unterbunden werden solle oder dass die Gefahr durch Rechtsextreme unterschätzt werde. Auch sei zwischen grundlegenden Meinungsverschiedenheiten und Antisemitismus zu unterscheiden. Stöver sagt: Wer bestimmte Fälle nicht als Antisemitismus einstuft, instrumentalisiere politisch, um das Ausmaß des Judenhasses herunterzuspielen.
Warnung vor doppelten Standards
Der ehemalige Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte zum Ende seiner Amtszeit in einem ARD-Interview, es spreche nichts dagegen, Israels Regierung wie jede andere auch zu kritisieren, das täten Israelis selbst. Auch müssten die Verwüstungen im Gazastreifen benannt werden. Ein Problem sei aber, wenn doppelte Standards an Israel angelegt würden oder der Hamas-Angriff als Kriegsauslöser nicht mehr zur Sprache komme. Aus Kleins Sicht verengt es jedoch die Debatte, wenn man „vorschnell“ Antisemitismus unterstellt – diese Kritik richtete er auch an die Adresse der israelischen Regierung.
Leticia Witte



