Heim

Roman
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Buchprofile - Rezension
Ein überfordertes Ehepaar gibt seine beeinträchtigte Tochter in den 50er-Jahren in ein Heim.
Tilda und Willem lernen sich vor dem Zweiten Weltkrieg auf einem Schiff kennen. Er ist als Flieger in geheimer Mission auf dem Weg nach Spanien. Erst nach dem Krieg treffen sie sich wieder und heiraten. In den 50er-Jahren haben die beiden eine Tochter. Die 7-jährige Hannah ist anders als gleichaltrige Kinder. Sie hat sehr spät laufen gelernt und spricht noch immer kaum. Mit Vorliebe zählt und sortiert sie Pflanzen, Tiere und Dinge, wie Grashalme, Ameisen oder Muster auf Teppichen. Die Mutter fühlt sich überfordert mit Hannahs Gefühlsschwankungen und Wutausbrüchen. Den Eltern ist klar, dass eine Regelschule für das Kind nicht in Frage kommt. So entscheiden sie sich, ihre Tochter in ein Heim zu geben, und treten das Sorgerecht an die Heimleitung ab. Dort wird das Kind häufig mit Medikamenten ruhiggestellt und ans Bett gefesselt. – Die Autorin wählt für ihre erschütternde Geschichte wechselnde Perspektiven und eindringliche sprachliche Bilder. Sie schildert sowohl die Gedanken der Eltern als auch des Kindes. Das kleine Mädchen nimmt ihren Körper wahr, in Abgrenzung zur Bettdecke, zum Fußboden oder zur Beruhigungsspritze. Um zu überleben, schafft es sich Zufluchtsorte im Kopf. Hennig von Lange erzählt im letzten Teil des Buches von ihrem Großonkel, der Guernica bombardiert und seine Tochter in ein Heim gegeben hat. Auch wenn der Großteil ihrer Geschichte fiktiv ist, gibt sie Hannah eine Stimme und erörtert die Frage nach den Lehren, die wir aus unserer Vergangenheit ziehen können. Eindringliche Empfehlung!
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Artikelbeschreibung

Die Geschichte von Tilda und Willem beginnt auf offenem Meer, Mitte der 1930er Jahre. Während Tilda eine Vergnügungsreise macht, ist Willems Mission eine mörderische: Als Mitglied der »Legion Condor« ist er mit dem Schiff unterwegs nach Spanien, wo der Krieg gegen alles, was anders ist, geprobt wird. Anders ist auch Hannah, die gemeinsame Tochter, geboren als der Krieg längst vorbei ist: Wild und unbeherrschbar, lässt sie sich durch nichts zwingen, weder durch Strenge noch durch die unbeholfenen Versuche ihrer Eltern, sie zu lieben. Willem verkriecht sich im Keller des Hauses, um ungestört Jazz zu hören, nachdem er tagsüber als Chemiker daran arbeitet, künstliche Fruchtaromen herzustellen. In den Augen von Tilda ist der schneidige Held von einst eine lächerliche Figur geworden. Und Hannah eine Verrückte ...»Heim« erzählt vom Ungesagten, vom Unaussprechlichen, vom langen Nachwirken der Vergangenheit und davon, wie sehr wir selbst Teil davon sind. Konsequent folgt es der beklemmenden Logik einer Familienkonstellation, eröffnet ihren Figuren aber auch Wege des Ausbruchs.

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Personeninformation

Geboren 1976, lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Frankfurt. Sie studierte Angewandte Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte. 2013 debütierte sie mit der Novelle Alles, was draußen ist, es folgten die Romane Zurück zum Feuer (2014), Hier beginnt der Wald (2018) und Heim (2024). Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u.a. Rauriser Literaturpreis (2014), Clemens-Brentano-Förderpreis (2015), George-Konell-Preis (2016).

Pressestimmen

Saskia Hennig von Lange führt ihre Figuren in Situationen größtmöglicher Einsamkeit und Isolation. Dort lässt sie sie im Ungewissen und beobachtet sie, schaut in ihre Köpfe und, das ist ungewöhnlich, in ihre Körper hinein. Christoph Schröder, Die Zeit (über »Hier beginnt der Wald«)
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