Erbarmen

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Nachdruck. Folgt laut Verlag/Lieferant: 25.03.2025
Buchprofile - Rezension
Eine hochbetagte Frau gibt Zeugnis von ihrer letzten Lebensphase in einem Seniorenheim.
Dieser Roman zum Leben im Pflegeheim, zu den Insassen und ihrem Alltag und dem sich annähernden Ende eines langen Lebens wurde von Lídia Jorge auf Wunsch ihrer Mutter verfasst und trägt sicherlich einige autobiographische Züge. Jedes der 78 kurzen Kapitel registriert, was Dona Alberti akribisch zu berichten hat, sie ist die Erzählstimme, die bis zuletzt über ihr Schicksal Bescheid weiß und es innerhalb ihrer Möglichkeiten lenkt. Indem sie ihre Beobachtungen und Gedanken in Worte fasst, vermag sie Gebrechlichkeit, Furcht und Einsamkeit machtvoll zu überwinden. In ihren letzten Wochen bricht die Pandemie ein, sodass die Abgeschiedenheit vom normalen Leben noch tiefer und leidvoller empfunden wird. Überall lauern Erinnerungen an das frühere Leben, dort prägen die menschlichen Emotionen – Ärger und Wohlbefinden, Mitleid und Gleichgültigkeit, Trauer und Freude, Liebe und Eifersucht – weiterhin das Miteinander der hochbetagten Hausbewohner. Mit dem Thema des Älterwerdens überschneidet sich die Frage der Migration – die meisten Pfleger*innen sind schlechtbezahlte Arbeitskräfte mit migrantischem Hintergrund –, im Haus kreuzen sich die Wege dieser zwei gesellschaftlichen Randgruppen. Infantilisierung der einen Gruppe und Entrechtung der anderen werden durchaus kritisch beleuchtet. In den fein ironisch beschriebenen Szenen der Mahlzeiten oder der Freizeitaktivitäten, in den Auseinandersetzungen zwischen Heimleitung und Personal, schließlich in der Abschottung des Hauses aufgrund der auferlegten Quarantäne, überall spüren wir dennoch Güte, Mut und Erbarmen in den vielfältigen Beziehungen der dort Wohnenden, ja die conditio humana, das Menschliche, das uns alle betrifft. Es gelingt diesem Roman trotz des Themas Lebensende und Tod, einen heiteren, versöhnlichen Grundton durchzuhalten. Steven Uhly, selbst Schriftsteller, übersetzte mit großer Sensibilität in die deutsche Sprache. Für alle Altersgruppen und überall ist dieser berührende Roman wärmstens zu empfehlen.
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Artikelbeschreibung

Dona Alberti sitzt im Rollstuhl, kann ihre Hände kaum noch benutzen und erzählt einemAufnahmegerät aus ihrem Leben im Hotel Paraíso, einem Altenheim, wo sie aus freien Stückenlebt, seit ein banaler Unfall sie ihrer Selbständigkeit beraubt hat. Das sind die Koordinatenvon Lídia Jorges jüngstem und vielleicht persönlichstem Roman.Die alte Dame erzählt von ihrem Alltag, den Auseinandersetzungen und Freundschaften mitjungen Pflegerinnen und anderen Mitbewohnern, ihrer heimlichen Liebe zu einem Mann, derkurz darauf stirbt, ihre nächtlichen Kämpfe mit einem Alter Ego, das ihr schwindendes Wissenherausfordert.Immer wieder kreisen ihre Gefühle um die schwierige Liebe zur Tochter, einer Schriftstellerin,der sie vorwirft, nur deshalb nicht reich und berühmt zu sein, weil sie vom Elend Namenlosererzählt, anstatt endlich Taten berühmter Menschen zu beschreiben. Der Generationskonfliktmit autobiographischen Zügen wird zum Verhandlungsort einer sozial fundiertenPoetik.Der Roman wirft ein kritisches Licht auf unsere Gegenwart, vermeidet aber frontale Angriffeund stellt uns stattdessen geschickt vor grundsätzliche Fragen: Was ist Wissen in einer Zeitder totalen Verfügbarkeit von Information? Was zählt wirklich im Leben angesichts der Tatsache,dass wir alle dem Tod entgegengehen? Welche Funktion hat das geschriebene Wortin diesem Zusammenhang? Wer sich mit der Autorin auf die Suche nach Antworten begibt,gerät in einen subtil entfalteten Erzählstrom, der uns geschickt auch dort zu tragen vermag,wo wir den Wirklichkeiten des Lebens die Hand reichen müssen.

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Personeninformation

LÍDIA JORGE, geboren 1946 in Boliqueime im Süden Portugals studierte französische Literatur in Lissabon und verbrachte einige Jahre damit, während des Unabhängigkeitskampfesin Angola und Mosambik zu unterrichten. Sie lebt heute in Lissabon. Mit ihren ersten beiden Romanen gehörte sie zur Avantgarde der zeitgenössischen portugiesischen Literatur und hat seitdem zahlreiche renommierte Auszeichnungen für ihre Arbeit erhalten. 2021 nahm Lídia Jorge eine Professur an der Universität Genf an, auf die 2022 die Einrichtung des Lídia-Jorge-Lehrstuhls an der University ofMassachusetts Amherst folgte.Ihr Roman »Erbarmen« wurde mit sechs renommierten Preisen ausgezeichnet, darunter der Médicis étranger 2023 und der Transfuge Prize for the Best Lusophone Novel 2023. Ihre Romane in deutscher Übersetzung waren bislang im Suhrkamp Verlag erschienen. STEVEN UHLY, geboren 1964 in Köln, studierte in Köln, Bonn und Lissabon Romanistik und Germanistik und promovierte als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes überMultipersonalität als Poetik. Seit 2010 übersetzt er aus dem spanischen und portugiesischen für den Secession Verlag, wo er auch sein literarisches Werk publiziert.
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