Faust I

Der Tragödie erster Teil - Band 1
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Buchprofile - Rezension
Die Tragödie um Faust wird als überzeitliches Menschheitsdrama inszeniert.
Goethes Faust als Graphic Novel – das durfte man schon mit der witzigen Faust-Adaption von Flix (BP/mp 10/764) erleben, die nicht nur Schüler:innen begeisterte. Die hier vorliegende Neuerscheinung ist von einem anderen Schlag: ein gewichtiger Band im Hardcover mit Lesebändchen, dessen seriöser Einband einen ganz anderen Ton setzt. Und auch inhaltlich werden die Prioritäten (im Vergleich zu Goethes Text) verschoben: verzichtet wurde hier auf die Zueignung und das Vorspiel, der Text wurde gekürzt, das Figurenensemble verkleinert, um den Schwerpunkt auf das Duo Faust/Mephisto zu legen. Zudem endet der Band nach der Szene in Auerbachs Keller; man darf also mit einem Folgeband der "Gretchentragödie" rechnen. Dagegen erweiterten sich die Szenerien und historischen Zeiträume: vom Mittelalter über die Nazi-Zeit bis ins Heute spielen sich die Protagonisten durch die Zeitläufte und offenbaren damit den "Faust" als Menschheitsparabel. So wird der Stoff aus der Weimarer Klassik herausgehoben und als universale Tragödie inszeniert. Der alte, bekannte Text erhält eine ästhetische Form, die sich vieler moderner Stilmittel bedient. Im Wirbel der grafischen Strukturen und Schriften sind die Panels aufgebrochen, expressionistisch ziehen die gebogenen, verzerrten Schwarz-Weiß-Linien und die Binnenzeichnungen die Betrachter:innen in ihren Bann. Dieser Sog bildet Fausts Innenleben ab, seine verzweifelte Suche, sein Scheitern und die Hoffnung auf Erlösung im Teufelspakt. Auch die Rede-Duelle der Antagonisten werden in diesem ekstatischen Ausdruck auf die Spitze getrieben. In ihrem persönlichen Vorwort beschreibt die Zeichnerin ihre Faszination für den Stoff, dessen Inszenierung sich im Werkprozess beinahe verselbstständigte. Die faustische Welt ist die unsere – zu dieser Einsicht gelangt man beim Lesen dieser fulminanten Neu-Interpretation.
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Artikelbeschreibung

Nele Heaslip über "ihren" Faust:Goethes Faust ist für mich einer der bedeutendsten Texte der deutschen Literatur.Es ist zugleich auch ein Text, an den man sich sehr gewöhnt zu haben scheint - ein Text, in dem jeder zweite Vers zum geflügelten Wort geworden ist, den man in der Schule tausendmal wiederkäuen musste, der auf der Bühne auf tausend verschiedene Weisen inszeniert worden ist. Man könnte glatt dem Irrtum verfallen, dass mit dem Faust nun nichts Neues mehr anzufangen sei, und dass man ihn endlich getrost archivieren könne.Ich denke dagegen, dass wir mitGoethes Faust niemals fertig sind.Ich denke, dass der Faust sich jeder neuen Zeit, jeder neuen Gesellschaft auf neue Weise offenbart. Oder eben auf alte Weise - denn auch das Altbewährte kann so innovativ über die Gegenwart hereinbrechen wie das Nie Dagewesene. Die besten Geschichten sind diejenigen, die sich immer wieder erzählen lassen, und dabei nichts von ihrem Zauber verlieren. Deswegen war es mir auch wichtig, Goethes Text in dieser grafischen Inszenierung so weit wie möglich beizubehalten. Hier spielt die Geschichte des verzweifelten Gelehrten, der eine Wette mit dem Teufel eingeht, in drei sich abwechselnden Zeitebenen - im Mittelalter, im Nationalsozialismus und in der Gegenwart. Die Idee für die Dreiteilung der Handlung ergab sich für mich nach und nach - doch sobald ich anfing, zu zeichnen, bemerkte ich mit Erstaunen, dass der Rest wie von selbst geschah. Faust machte sich selbstständig und passte sich den neuen Zeitebenen an, als wäre er eigens für sie geschrieben worden - das Stück nahm Bedeutungen an, die ich zuvor kaum darin vermutet hatte. Und es ergaben sich gesellschaftskritische Fragestellungen über die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt, Individuum und Gesellschaft und um die (Dis)kontinuität von Täter- und Opferrollen, die auf die heutige Zeit so gut zutreffen wie einst auf Goethes Zeit.Vielleicht bedeutet das, dass wir uns in diesen 217 Jahren Faust kaum verändert haben - als Menschen und als Gesellschaft. Das würde jedenfalls meine Ansicht bestätigen, dass der kluge, übermütige, weit- und kurzsichtige Heinrich Faust den Menschen selbst verkörpert.Der Mensch, der sowohl in seiner sensiblenWeitsicht die Fähigkeit aufweist, die Welt vonihren zahllosen, menschengemachten Konfliktenzu erlösen - als auch in seiner Unersättlichkeit dieTendenz, sie tiefer ins Verderben zu stürzen.

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