Schöner Neuer Himmel

Aus dem Militärlabor des Ostens
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Buchprofile - Rezension
Einblicke in die geheime Raumfahrtforschung der DDR und die Versuche, durch biomedizinische Manipulationen die Leistung und Belastbarkeit der Raumfahrer zu steigern.
Die Autorin, 1960 in der DDR geboren und in den 80er Jahren als Leistungssportlerin in der Leichtathletik selbst Opfer verbotenen Dopings, hat sich nach der Wende lange Zeit für die Aufklärung des dortigen Staatsdopings und der Entschädigung der zahlreichen Opfer engagiert. In ihrem neuesten Buch spürt sie auf diesem Erfahrungshintergrund der geheimen Raumfahrtforschung in der DDR und den Versuchen, durch biomedizinische Manipulation die Leistung und die Belastbarkeit potentieller Raumfahrer zu steigern, nach. Zudem ordnet sie das Ziel, für das All einen neuen Menschen zu schaffen, in den historischen Kontext der besonders im sowjetischen Kommunismus weit verbreiteten Bioutopien und dem Glauben an die Machbarkeit einer auf die Staatsdoktrin hin genetisch-manipulativ veränderter Menschheit ein. Außerdem spiegelt die heutige Schriftstellerin sprachgewandt ihre Archivforschungen immer wieder an ihrer eigenen Biografie und Sozialisation in der ehemaligen DDR. - Ein spannendes, insbesondere im Hinblick auf die Dokumentation zahlloser Planungsvorhaben und daran beteiligter Institutionen nicht immer ganz einfach zu lesendes Buch, das eine weitere, bislang kaum bekannte Facette staatlich gelenkter und ideologisch besetzter Auftragsforschung aufdeckt und ein Zeugnis gegen die vermeintliche Harmlosigkeit des DDR-Staates ist. Der Titel sollte nach Möglichkeit seinen Platz in den KÖB-Beständen finden.
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Artikelbeschreibung

Die Idee war so ambitioniert wie anmaßend: den Kommunismus auch im All real werden zu lassen. Und die Realität? Um einen »Körper mit optimaler Normierung« zu kreieren, wurde ab den 70er Jahren im Osten in hochgeheimen Laboren geforscht. Was surreal klingt, findet sich belegt in den Akten des ostdeutschen Militärs, aber auch bei denen, deren Körper zum Material dieses Staatstraumas gemacht wurden. Eine dichte Erzählung, die ein scharfes Licht auf ein bislang ausgeblendetes Erbe der DDR wirft - und eine Zeitdiagnose über entgrenzte Körperforschung.

Der Neue Mensch im All galt im Weltraumprogramm der Sowjetunion als absoluter Leitstern und löste in der DDR zwischen 1972 und 1989 eine gründliche Forschungstätigkeit aus. Die Unterwerfung und Beherrschung des Kosmos sollte durch Hochleistungsflieger, die sich über Jahre im All aufhalten konnten, möglich werden. Wie erschafft man diesen maximal normierten und bedürfnislosen Körper? Aus den Verschlussakten der DDR-Militärforschung, heute zugänglich im Militärarchiv Freiburg, setzt Ines Geipel ein verstörendes Bild zusammen: Experimentiert wurde nicht nur an Tieren, sondern auch an Menschen, in Krankenhäusern, Gefängnissen, an Soldaten und im Hochleistungssport. Das Streben nach der Vorherrschaft im Kosmos ist nicht Vergangenheit, sondern erfährt heute eine Renaissance.

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Personeninformation

Ines Geipel, geboren 1960, ist Schriftstellerin und Professorin für Verssprache an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Die ehemalige Weltklasse-Sprinterin floh 1989 nach ihrem Germanistik-Studium aus Jena nach Westdeutschland und studierte in Darmstadt Philosophie und Soziologie. 2000 war sie Nebenklägerin im Prozess gegen die Drahtzieher des DDR-Zwangsdopings. Ihr Buch »Verlorene Spiele« (2001) hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Bundesregierung einen Entschädigungs-Fonds für DDR-Dopinggeschädigte einrichtete. 2005 gab Ines Geipel ihren Staffelweltrekord zurück, weil er unter unfreiwilliger Einbindung ins DDR-Zwangsdoping zustande gekommen war.
Ines Geipel hat neben Doping auch vielfach zu anderen gesellschaftlichen Themen wie Amok, der Geschichte des Ostens und auch zu Nachwendethemen publiziert. 2020 erhielt sie den Lessingpreis für Kritik, 2021 den Marieluise-Fleißer-Preis.

Pressestimmen

»Geipel zeichnet die Aktenstudien, Begegnungen, Aufschlüsse und Erkenntnisprozesse nach, die nach dieser Begegnung im Freiburger Militärarchiv und in ostdeutschen Archiven zu den weltraumbiologischen Forschungen der DDR zustande gekommen sind. Auf literarisch reizvolle Weise entsteht ein unheimliches Bild.« Stephan Wackwitz, FAZ, 25. Juni 2022 Stephan Wackwitz FAZ 20220625
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