Keiner wird um etwas bitten

Neue Geschichten | Zeugnisse von Liebe, Trauer und Solidarität im Ukraine-Krieg
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Buchprofile - Rezension
Kurze Geschichten über die Allgegenwart des Krieges im ukrainischen Charkiw.
Arabesken nennt der Autor seine zwölf lose verbundenen, oft auch recht traurigen Geschichten vom russischen Angriffskrieg auf seine Heimatstadt. Es sind Erzählungen vom Überleben in einem Zustand ständiger Bedrohung, die viel mehr die Auswirkungen des Krieges auf die Menschen behandeln als den Krieg selbst. Es geht um die Geliebte eines getöteten Soldaten, um die Jobsuche eines Menschen, der als Invalide von der Front zurückgekommen ist, um Personen, die an der Trauerfeier für einen gefallenen Kollegen teilnehmen, um die Evakuierung einer alten Frau nach der Bombardierung eines Wohngebiets oder um Handykontakte, die gelöscht werden müssen, weil ihre Besitzer im Krieg gefallen sind. Die zweitgrößte Stadt des Landes nach Kiew ist ständig Ziel russischer Angriffe, darunter Drohnen- und Raketenbeschuss. Zivilisten und zivile Infrastruktur werden häufig getroffen, was zu zahlreichen Verletzten und Todesopfern führt. Seit Monaten fahren in der Stadt keine Straßenbahnen mehr, die Ampeln funktionieren nicht. Viele Häuser stehen leer, beängstigend ist die Stille – keine Stimmen, keine Bewegung; nur am Morgen ist der Gesang der Vögel zu vernehmen und die Soldaten an den Straßensperren fallen besonders ins Auge. Die Menschen treffen sich auf dem Fußballplatz oder in der Kirche, sprechen über ihre zerbrochenen Vorstellungen von Alltag, den veränderten Atem der Stadt und lassen dennoch immer wieder ein kleines Zeichen der Hoffnung aufblitzen. – Serhij Zhadan, der in Charkiw lebt und seit Mai 2024 Soldat ist, beschreibt den Krieg nicht direkt, dafür dessen Folgen für die Personen, die von ihm betroffen sind. In seinen kurzen Geschichten zeichnet der Autor ein eindrückliches Bild der radikalen Veränderung der Lebensumstände der Menschen um ihn herum und macht eindrucksvoll deutlich, was der Krieg für jene bedeutet, die sich an die allgegenwärtige Präsenz des Todes gewöhnt haben. Eine Lektüre, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt und zum Nachdenken anregt.
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Artikelbeschreibung

»Seit Februar fahren keine Straßenbahnen mehr«. Immer wieder gibt es Momente der Stille in der vom Krieg heimgesuchten Großstadt. Menschen treffen sich an Orten, die noch halbwegs intakt sind: auf dem Fußballplatz, in der Kirche, in einem lichtdurchfluteten Hochhausbüro. Zhadan-Leser treffen Figuren, die sie aus Mesopotamien oder Internat kennen: Leute, bei denen man nie genau wusste, was sie eigentlich tun, ob sie Musiker, arbeitslose Lehrer, Werbeleute, Automechaniker oder unabhängige Experten sind.
Jetzt sind sie mit völlig anderen Dingen befasst: nach der Bombardierung eines Wohngebiets eine alte Frau evakuieren; einen Job für jemanden finden, der als Invalide von der Front zurückgekommen ist; an der Trauerfeier für einen getöteten Kollegen teilnehmen, der eine Einheit an der Front kommandiert hat.

Jede dieser Geschichten prägt sich tief ein. Zhadan findet einen Ausdruck für die Schutzlosigkeit und die radikale Veränderung des Lebens in einer Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, dass überall der »große Tod« mit herumsteht, wo man sich auch trifft.

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Personeninformation

Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört seit 1991 zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Für Die Erfindung des Jazz im Donbass wurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet (zusammen mit Juri Durkot und Sabine Stöhr). Die BBC kürte das Werk zum »Buch des Jahrzehnts«. 2022 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zhadan lebt in Charkiw und ist seit Mai 2024 Soldat.

Sabine Stöhr, 1968 geboren, studierte Slawistik in Mainz und Simferopol. Seit 2004 übersetzt sie aus dem Ukrainischen, v.a. die Werke von Juri Andruchowytsch und, gemeinsam mit Juri Durkot, das Romanwerk von Serhij Zhadan. 2014 wurde sie mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung ausgezeichnet. Ebenfalls 2014 erhielt sie, gemeinsam mit Juri Durkot und dem Autor, den Brückepreis Berlin für Die Erfindung des Jazz im Donbass von Serhij Zhadan. 2018 wurde Sabine Stöhr und Juri Durkot der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen für ihre Übersetzung des Romans Internat von Serhij Zhadan.

Juri Durkot, 1965 geboren, studierte Germanistik in Lemberg und Wien. Seit 2007 übersetzt er gemeinsam mit Sabine Stöhr das Romanwerk von Serhij Zhadan.

Pressestimmen

»Die Erzählungen Keiner wird um etwas bitten sind in den Tiefen einer Seele zu Hause, für deren Verletzungen und Zerstörungen keine Begrenzung mehr vorstellbar bleibt.« Ralf Bönt DIE ZEIT 20251129
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