schrift für blinde riesen

Gedichte | Georg-Büchner-Preis 2023
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Buchprofile - Rezension
Moderne Gedichte über Kindheitserinnerungen und Zeitfragen.
Kindheitserinnerungen gehören zu den wichtigsten, immer wiederkehrenden Motiven in der Literatur. Und sie sind auch im Lesepublikum, besonders bei der älteren Generation, sehr beliebt. In diesem Gedichtband von Lutz Seiler, der zuletzt besonders als Romanautor bekannt wurde, ist die Erinnerung an seine Kindheit im ostdeutschen Gera in vielen der Gedichte präsent. Aber es handelt sich hier nicht um eine durchgehende, chronologische Kindheitserzählung. Man muss sich da schon die Zeit nehmen, die Gedichte zu lesen und aufzunehmen, um in die Kindheit des Autors einzutauchen. "als kind hast du es bald entdeckt: das gute/ schmeckt oft nach besteck, es hat/ zu lang im schrank gelegen: silber/ & das feinverzierte tellergold & die/ terrine& und das zarte bowleglas aus beuthen,/...auch die fotos oberhalb dieser vitrine/ hatten den geschmack; geschmack/ wie tante nelly, bibelfest/". Aber in diesen Gedichten geht es nicht nur um Kindheitserinnerungen. Versteckt in poetische Verse ist auch die Gegenwart anwesend, sogar die in diesen Jahren alles überragende Pandemie. "29.märz 2020/ erst den teller fertig machen dann/ das küchenfenster fest verschließen & hernach/ den topf abgießen-/ dampf dampf dampf/ dampf der welt & untergang". Für Freunde zeitgenössischer, oft wortverspielter Lyrik ist die Lektüre des Bandes eine große Sprachbereicherung. Wer jedoch immer schon nur mit Mühen einen Zugang zu moderner Poesie gefunden hat, wird es schwer haben bei der Lektüre dieses Bandes.
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Artikelbeschreibung

Lutz Seiler kehrt nach zwei Romanen zurück in den Heimathafen der Gedichte. Zurück in die Stimmen der Kindheit, ins Waldstadion, in den 'Knochenpark' und zur Frage, wo unser 'eignes schmales erdreich ankern kann'. Er entdeckt den 'Ahnenapparat' seines vom Uranbergbau geschleiften Heimatdorfes, um dort 'seinen Toten' zu lauschen. Er durchstreift die Klangwelt des märkischen Kieferngewölbes und ist unterwegs: ob in den Legenden von Trouville oder in Stockholm, seiner zweiten Heimat, immer auf der Suche nach einer 'schrift für blinde riesen' und ihrem Blick dorthin, 'wo die welt vermutet werden könnte'.Mit seiner suggestiven Stimme und einer gehärteten Sprache jenseits aller Moden eröffnet Lutz Seiler einen ureigenen poetischen Raum. Vor allem ist es die Materialität der Dinge, das Sprechen nah an den Substanzen - verwandelt in Rhythmus und Klang, bilden sie den Erzählton seiner neuen Gedichte: 'Der Hallraum eines Gedichts sollte nicht kleiner sein als der eines Romans', schreibt Seiler. 'Jedes gute Gedicht kann der gestische Kern eines Romans sein und die Verbindung herstellen zum Ursprung des Genres: zum Epos und seinem Gesang.'

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Pressestimmen

»Das poem, das unersättliche, behält aber recht, die Mühe lohnt, dem Lesenden, Reisenden, Schauenden rutscht keine Abgedroschenheit in die Zeilen.« ith Frankfurter Rundschau 20211019
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