Pippins Tochters Taschentuch

Band 1518
Roman. Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 in der Kategorie Übersetzung
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Buchprofile - Rezension
Briefe, die Zweifel an den Eltern säen.
Die Ich-Schreiberin mit autobiografischen Zügen will ihrer älteren Schwester Andrea darlegen, dass deren Erzeuger möglicherweise nicht Josef Seifert, sondern Franz Huber ist. Sie spielt dabei schreibend Szenen einer Ehe im Deutschland zur Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus nach. Wie es gewesen sein könnte, dass ihre Mutter schon kurz nach der Hochzeit sich einen Liebhaber nahm, weil sie von dem kühlen Wagnerfan Josef enttäuscht war, und wie sie in der Beziehung agiert haben könnte. Dabei kratzt sie gewaltig am Bild, das die Geschwister von ihren Eltern tradieren. Eine große Rolle in der "Korrespondenz" nimmt auch ein, dass die Ich-Erzählerin Ehemann und Liebhaber hat, die dritte Schwester trotz fünf Kindern ähnlich agierte und die Angesprochene nach einem Leben in einem beschaulichen Orden durchaus die Männerwelt goutiert. - Die Lyrikerin Waldrop bedient sich anstelle einer linearen Erzählweise eines oszillierenden, immer wieder auf Zeitgegebenheiten und Nebenumstände abschweifenden Stils. Auffällig ist dabei, dass sie statt gängiger Kapitelüberschriften die ihr wichtigen Fragen und Konklusionen der vorangegangenen Textzeilen in Versalien hervorhebt, als eröffneten sie einen neuen Abschnitt oder Gedankengang. Ohne Vorkenntnisse sind die vielen Aussagen zu jüngerer E-Musik - sicher aus ihrer musikwissenschaftlichen Ausbildung herrührend - nicht leicht einzuordnen. Der Titel, eine wörtliche Übertragung des englischen Originals, wirkt mit seinem doppelten Genitiv eher hölzern denn erhellend, bezieht er sich doch auf eine Gründungsage der Stadt Kitzingen, wonach die Merowingerin vom Schwanberg, wo heute die Mutter der Protagonistinnen lebt, ein Tüchlein fallen ließ.
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Artikelbeschreibung

Hätten Josef und Frederika Seifert mal besser nicht geheiratet!? Der Ort ist Kitzingen am Main, es sind die späten Zwanziger. Josef ist Kriegsveteran und Lehrer, sehr ins Metaphysische entrückt, Frederika rasend frustrierte Sängerin, rasend frustrierte femme fatale, die, unfähig zu den spirituellen Sublimationen ihres Mannes, bereits wenige Wochen nach der Trauung eine Affäre mit seinem besten Freund beginnt. Ist dieser Seitensprung an allem schuld, was folgen wird?

Das fragt - ein halbes Jahrhundert später - Lucy, die älteste Tochter, in Briefen an ihre Schwester (oder ist es ihre Halbschwester?). Hätte ihre Mutter nur ein Machtwort sprechen müssen, was die Musik Richard Wagners angeht, damit sich alles ganz anders entwickelt? Und hat der Umstand, dass Frederikas Liebhaber Jude war, Josefs Faszination für den Nationalsozialismus weiter entfacht?

Rosmarie Waldrop hat einen agilen, feinsinnigen und derben Roman geschrieben. Über eine marode Familie im anschwellenden Nationalsozialismus. Über Sehnsüchte, Enttäuschungen und Verrat. Über kleine Ursachen und große Wirkungen. Und über die beharrliche Ambivalenz einer nicht wirklich zu bewältigenden Vergangenheit.

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Personeninformation

Rosmarie Waldrop, 1935 in Kitzingen am Main als Rosmarie Sebald geboren, studierte Literatur- und Musikwissenschaften in Würzburg und Freiburg, bevor sie in den späten Fünfzigerjahren in die USA emigrierte. In den Sechzigern gründete sie mit ihrem Ehemann Keith die Burning Deck Press, einen der maßgeblichen Verlage für Lyrik. Seit 1968 lebt Rosmarie Waldrop in Providence, Rhode Island, und hat an verschiedenen Universitäten gelehrt. Ihr vielfach ausgezeichnetes Werk umfasst unter anderem 20 Bände Lyrik, 4 Essaysammlungen sowie zahlreiche Übersetzungen, etwa von Werken Friedericke Mayröckers, Elke Erbs, Paul Celans oder Edmond Jabès .

Ann Cotten ist Schriftstelly, Übersetzy und Theorie-Fuzzy, derssen Spaß mit sprachlichen Genderingmethoden (Phettbergsches Entgendern, »polnisches Gendering«) in der medialen Wahrnehmung die seihrner zahlreichen Werke ernsthaften Inhalts überschattet. Cotten arbeitet seit 2021 an einer materialistischen Poetik als PhD-Projekt an der FU Berlin und gibt seit 2023 in Wien die jährlich erscheinende Zeitschrift Triëdere für literarische Essayistik mit heraus. Cottens Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Rompreis der Villa Massimo. Ben Lerner wurde 1979 in Topeka, Kansas, geboren. Als Schüler war er US-Meister im Debattieren. Lerner ist Autor mehrerer Romane, Gedichtbände und Essays sowie verschiedener kollaborativer Arbeiten, u. a. zusammen mit Alexander Kluge. Er hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, darunter das Guggenheim Fellowship und das MacArthur Fellowship. Er ist Professor für Literatur am Brooklyn College und lebt mit seiner Frau und den beiden Töchtern in New York City.

Pressestimmen

»Das alles ist so rasant erzählt, wird von einem solchen Sprach- und Klangzauber getragen, dass man sich fragt, wer soll das übersetzen? Ann Cotten! ... Fehlt nur noch, dass Rosmarie Waldrops Literatur im deutschsprachigen Raum so breite Aufmerksamkeit erhält, wie sie es längst verdient hat. Es ist höchste Zeit.« Christian Metz Frankfurter Allgemeine Zeitung 20210526
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