Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte

Roman
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Buchprofile - Rezension
Walser schon wieder: der alte Mann und die Liebe.
Die Liebes-Prosa des inzwischen über neunzigjährigen Martin Walser wird immer knapper, konzentrierter, hat aber nichts von ihrer Strahlkraft verloren. Dass das Erotische seit Längerem gelegentlich ins Obsessive umschlägt, kann man als komischen Effekt verbuchen, der in der neuen Erzählung (Roman wäre bei 120 Seiten zu viel gesagt) gut durchschlägt. Der da von sich schreibt, ist ein zwanghaft zum Philosophen gewandelter Oberregierungsrat. Er hat eine Eselei begangen, eine übergriffige Handlung bei einer Praktikantin. Walser meidet hier allzu aktualistische Anspielungen auf die #MeToo-Debatte. Im Kern geht es ihm um die Suche des alternden Mannes nach seinem Ort bei den Frauen, in der Welt und der Religion. Gegen allseitige Missverständnisse wappnet sich der Selbstdenker mit einem Universalismus des Sinnlichen, einem Vermutungsstil, mit Märtyrergeschichten, Engeln, "Gott als Rettungsring", mit Gedichten - und einem Blog. Und das ist der eigentliche Coup dieses Buches. Es besteht aus Briefen an eine unbekannte Geliebte, einen Adressaten im Netz, der oder die Anlass für ein eindringliches Selbstgespräch ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger ist dieses lesenswerte Buch über den alten Mann und die Liebe.
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Artikelbeschreibung

"Was, bitte, wäre ich lieber als ich? Alles andere als ich."
Das sagt Justus Mall, der früher einmal anders hieß. Oberregierungsrat war er, zuständig für Migration, aber dann kam der Tag, an dem er etwas Unbedachtes machte, und seitdem ist er Philosoph, zuständig für alles und nichts. Doch das ist nicht das einzige Dilemma seines Lebens. Tag und Nacht liegt er im Streit mit den Umständen, zu denen er es als Liebender hat kommen lassen. Ist es vielleicht leichter, keine Frau zu haben als nur eine? Er jedenfalls liebt zwei, und weil das nicht gehen kann, beginnt er, einen Blog zu schreiben - auf der Suche nach einem Menschen, der genau das ist, was ihm fehlt.
Was für ein sagenhaftes Paradox: Ein Mann, für den Wirklichkeit ein Gespinst aus erfundenen Fäden ist, hofft ausgerechnet in einem Weblog, so etwas wie Nähe zu finden. Er richtet seine Selbstgespräche an eine unbekannte Geliebte und weiß doch, sie ist nicht mehr als eine Illusion. In früheren Romanen ließ Martin Walser noch Briefe und E-Mails hin und her gehen, in "Gar alles" gibt es das nicht mehr. Hier ruft einer ins Irgendwo, ist zurückgeworfen auf sich selbst, hat für das, was er empfindet, keinen Adressaten mehr. Ein völlig geklärt geschriebener Roman über lauter Ungeklärtes, ein in seiner existentiellen Dringlichkeit ungeheuerliches, überwältigendes Buch.

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Personeninformation

Martin Walser, 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren, war einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis, 1998 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2015 den Internationalen Friedrich-Nietzsche-Preis. Außerdem wurde er mit dem Orden «Pour le Mérite» ausgezeichnet und zum «Officier de l'Ordre des Arts et des Lettres» ernannt. Martin Walser starb am 26. Juli 2023 in Überlingen.

Pressestimmen

Sein neuer Briefroman (...) bietet in konzentrierter Form noch immer das, was große Literatur leisten soll: die stillschweigende Aufdeckung des Fehlers im System, den romanhaft camouflierten Hinweis auf den Makel und das Ungereimte. Pia Reinacher Die Weltwoche
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