Melanie Wolfers - Mut
12.07.2023


Melanie Wolfers - Die Kunst, mutig zu sein - Folge 7

Mut ist Angst, die gebetet hat

Spirituelle Gedanken und Texte aus Melanie Wolfers Buch "Trau dich, es ist dein Leben".


Ich habe in meinem Leben schon oft erfahren, dass Gott mir zur Seite steht. Und ich glaube doch eigentlich, dass er auch mein Fallen ‚unendlich sanft in seinen Händen hält‘, wie Rainer Maria Rilke es ausdrückt. Dennoch schwappt immer wieder Panik in mir hoch, wenn ich an die schwere Operation denke, die auf mich zukommt. Selbst beim Beten.“ Von sich selbst spürbar enttäuscht erzählt eine etwa 50-Jährige von ihren Nöten. Zu ihrer Angst vor der anstehenden Operation kommt die Enttäuschung hinzu, dass sie von sich erwartet, keine oder doch zumin­dest weniger Angst zu haben – denn schließlich glaube sie doch an Gott. Ein weit verbreitetes Missverständnis! Viele sehen Angst als ein Hindernis auf ihrem Weg zu Gott. Sie meinen, ihre Angst sei ein Zeichen dafür, dass sie zu wenig glauben und vertrauen. Es enttäuscht und verunsichert sie, dass selbst das Gebet ihre Furcht nicht auflöst, und sie fragen sich: „Was mache ich bloß falsch beim Beten?“


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Glaube und Angst schließen einander nicht aus

Die Bibel spricht da eine ganz andere Sprache: Die Psalmen, das wichtigste biblische Gebetbuch, sind gewoben aus Klagerufen und angst­vollem Schreien zu Gott – wie auch aus Jubelliedern und dankbarem Ver­trauen. Glaube und Angst schließen einander nicht aus! Auch Jesus hat dieses erfahren. Als er ahnt, dass ihm ein gewaltsames Ende droht, packt ihn die Angst. Er schreit zu Gott. Er nimmt seine Angst ins Gebet, lässt sie zu, spricht sie aus. Durch all das wird Jesus nicht von seiner Angst befreit. Wohl aber, so erzählt das Lukas-Evan­gelium, wird er fähig, mit und trotz seiner Angst seinen Weg weiterzugehen (vgl. Lukas 22,39–46). Er bleibt sich und seinem Gott treu.

Mut ist Angst, die gebetet hat, formuliert Corrie ten Boom, eine niederländische Widerstandskämpferin im Dritten Reich. Viele Menschen erfahren ihren christlichen Glauben als einen Resonanzraum, in dem ihre Angst zur Sprache kommen kann. Die Angst vor einer Operation, einem Examen, dem Sterben des Partners, dem Verlust des Arbeitsplatzes. Aber auch die Furcht vor Krieg und Terror, vor Hass und Gewalt. Und manchmal stellt sich im Gebet das leise Ahnen ein, dass ich mit meiner Angst nicht allein bin. Als ob in der Tiefe des eigenen Herzens ein Licht schimmern würde. Als ob ich von innen her liebend angeschaut würde. Das weckt Ver­trauen und Mut.

Vertrauen wecken

Eine vielsagende Redewendung: Vertrauen wecken. Sie deutet an, dass es unter aller Angst und Verzweiflung ein tragendes Vertrauen gibt. Oft schlummert es oder wird verdeckt von negativen Erfahrungen. Aber es kann geweckt werden. Da ist es einer Person klamm ums Herz – und eine Begegnung, ein Sonnenstrahl an grauen Tagen oder ein Bibelwort rufen unverhofft Vertrauen in ihr wach. Und sie spürt neue Zuversicht.

Passend zum Thema: Der Podcast "Ganz schön mutig - Mut tut gut"
Melanie Wolfers
Artikel von Melanie Wolfers
Philosophin, Theologin und Mutmacherin
Melanie Wolfers gehört zur internationalen Ordensgemeinschaft der Salvatorianerinnen, ist Bestseller-Autorin, betreibt den Podcast GANZ SCHÖN MUTIG. Sie ist freie Mitarbeiterin beim Michaelsbund und stellt als Host der ZDF-Serie "Die letzte Bank" Fragen an das Leben.