Melanie Wolfers - Mut
11.05.2023


Melanie Wolfers - Die Kunst, mutig zu sein - Folge 5

Gönne dich dir selbst

Spirituelle Gedanken und Texte aus Melanie Wolfers Buch "Trau dich, es ist dein Leben".


Stellen Sie sich vor, Sie bekommen die Leitung eines weltweiten Unternehmens übertragen. Wie würde es Ihnen gehen? – Vielleicht würden Sie die Ernennung an die Spitze des Unternehmens als eine Ehre empfinden. Vermutlich aber auch als eine Überforderung.

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Ein klassischer Workaholic

So ist es jenem Mönch ergangen, der im Jahr 1145 zum Papst gewählt worden ist: Eugen III. In seinem Amt entwickelt er sich zu einem klassischen Workaholic. Es ist so viel zu tun, dass er eigentlich nie richtig zur Ruhe kommt. Sein früherer geistlicher Leh­rer, Bernhard von Clairvaux, will ihm die Augen öffnen, wie lebensschädigend ein Alltag „eingekeilt in zahlreichen Beschäftigungen“ auf Dauer wirkt. In einem Brief rät er dem Papst, kürzer zutreten: „Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem Du nicht landen willst. An den Punkt, wo das Herz anfängt, hart zu werden.“ Für Bernhard ist das „harte Herz“ ein Ausdruck dafür, dass ein Mensch das Gespür für sich und die anderen ver­loren hat und für das, was jetzt dran ist. Und er fragt ganz direkt: „Wie kannst Du voll und echt Mensch sein, wenn Du Dich selbst verloren hast?“ Und er fährt fort: „Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst.“

Die Aufforderung „Gönne Dich Dir selbst!“ steht quer zu zeitgenössi­schen Versuchen, sich ständig selbst zu optimieren. Wer eigene Grenzen wahrnimmt und wahrt, widersetzt sich dem heillosen Imperativ: „Verbessere dich, denn die Möglichkeiten sind da!“ Ebenso steht der Rat „Gönne dich dir selbst!“ in Spannung zu der Erwartung „Sei vor allem für andere da!“ – eine Erwartung, die gerade in christ­lichen Kreisen gerne gepflegt wird.

Halt in sich selbst finden

Sich selbst Zeit gönnen: Das klingt simpel – und erweist sich im Konkreten oft als ungeheuer schwer. Und doch: Nur wer regelmäßig innehält, findet Halt in sich selbst. Nur wer regelmäßig bei sich selbst eincheckt, steht im Kontakt mit seinem Innern und wird dem auf die Spur kommen, was ihm wirklich wichtig ist. Besonders intensiv kann man sich selbst begegnen, wenn die Stimmen um einen herum zum Schweigen kommen. In dem Maß, in dem jemand – immer wieder neu – den inneren „Raum der Stille“ aufsucht, wird er oder sie bei sich selbst ankommen.

Ich persönlich erfahre dies auch als ein spirituelles Geschehen. Denn wenn ich näher zu mir selbst finde, erahne ich zugleich einen umfassenderen Grund, der mich und alles von innen her trägt. Und umgekehrt: Je mehr ich in Be­rührung komme mit dem göttlichen Geheimnis, umso mehr komme ich in Kontakt mit mir und der Welt. Oder wie Bernhard von Clairvaux schreibt: Geh deinem Gott entgegen bis zu dir selbst.

Passend zum Thema: Der Podcast "Ganz schön mutig - Mut tut gut"
Melanie Wolfers
Artikel von Melanie Wolfers
Philosophin, Theologin und Mutmacherin
Melanie Wolfers gehört zur internationalen Ordensgemeinschaft der Salvatorianerinnen, ist Bestseller-Autorin, betreibt den Podcast GANZ SCHÖN MUTIG. Sie ist freie Mitarbeiterin beim Michaelsbund und stellt als Host der ZDF-Serie "Die letzte Bank" Fragen an das Leben.