Lesen als Lebenskunst
Warum wir beim Zeitungslesen mehr entdecken als auf jedem Bildschirm. Und wie gemeinsame Lese-Rituale sein Leben entschleunigen und bereichern – davon erzählt Frank Berzbach.
Am Wochenende folgen meine Frau und ich einem Ritual: Es beginnt allerdings erst nach dem Sonntagsfrühstück, wenn der zweite Kaffee vor uns steht. Wir sind früh wach und haben also Zeit – die Zeitungen und Magazine der Woche stapeln sich, und auch die neuen Bücher sind dabei. Oft laufen wir am Samstag zum Lieblingsbuchladen und kommen meist mit Titeln nach Hause, die wir nicht gesucht, aber gefunden haben.
Reisen am Frühstückstisch
Es ist eins der Geheimnisse des altmodischen Lesens analoger Medien: Der Zufall nimmt Einfluss auf die Bildung, man liest sich in Beiträgen fest, die man eher beiläufig begonnen hat, und so erweitert sich der Horizont unmerklich. Obwohl ich selten reise – leider habe ich kaum Urlaub oder Urlaubsgeld –, kann ich den Reiseteil der Zeitung genießen. Immerhin auf Papier darf ich in luxuriösen Hotels in abgelegene Gegenden, auf ungekannten Inseln und in Stadtvierteln flanieren, in die ich nie kommen werde. Aber nach dem Frühstück bin ich eben doch dort: in Palermo oder Belgien, auf einem Wanderweg in Wales oder im berühmten Waldhaus in Sils Maria, in dem schon Nietzsche, Thomas Mann und Adorno ihre Zeit verbrachten.
Das Zeitungslesen wird viel zu wenig gefeiert und die bewusst erklärte Lesezeit selten zelebriert, dabei enthält es so viele Genüsse. Wir können in der Zeit reisen: zurück zu Kirchenvätern und -müttern, antiken Redekünstlern oder Rittern; wir können in den wilden Westen oder ins feinsinnige Ostasien reisen, in den Bundestag oder in Königshäuser und sogar in die Zukunft.
Nehmen Sie sich Zeit
Der erste Blick auf eine gute Wochen- oder Tageszeitung lässt einen vielleicht zum Schluss kommen, das sei alles viel zu viel Text, und die Freizeit reiche dafür nicht aus. Dabei ist der Tag immer gleich lang – es kommt allerdings darauf an, wem oder was wir unsere Zeit schenken. Menschen, die „einfach nicht zum Lesen kommen“, bringen es oft auf eine beträchtlich hohe „Bildschirmzeit“. Fürs Daddeln oder Fernsehen ist Zeit, fürs Lesen nicht? Viele Menschen schauen den ganzen Tag beruflich auf Monitore, warum nicht einmal davon Pause machen und zum Papier zurückkehren.
[inne]halten - das Magazin 18/2026
Spirituelle Kraftorte
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Wir nehmen die Zeitungen mit in den Park oder in Cafés, liegen lesend
auf dem Sofa oder sitzen am Esstisch. Jedenfalls entspannt dieses
Stöbern den Geist und verschafft ihm mehr Ruhe als die flackernden
kleinen Bildschirme des Smartphones. Natürlich kann man sich fragen,
warum Zeitungen so groß und unhandlich sind. Aber umgekehrt gilt auch:
Warum so lange und so viel auf dieses kleine Smartphone schauen – ist
der Rahmen der Welt nicht größer, immerhin annähernd im A2-Format einer
ausgeklappten Zeitung?
Wir lieben diese Lesestunden, die eine gediegene, ruhige Gesprächsatmosphäre schaffen, nach Freizeit schmecken und die uns die Welt ein wenig mehr verstehen lassen. Wir gehen nicht nur geistig auf Reisen, sondern bereiten uns auch auf die Welt vor: Wir finden Rezensionen und Veranstaltungshinweise, die neugierig machen, denen wir folgen wollen. Und wollten wir nicht zu dieser Ausstellung, über die wir etwas gelesen haben? Ohne die erlesenen Eindrücke hätte ich viel verpasst im Leben!



