Persönlichkeitsentwicklung
22.04.2025

Impostor-Syndrom: Wenn der innere Kritiker den Erfolg kleinredet

Beim Hochstapler-Syndrom glauben Betroffene nicht an sich – und zweifeln sogar an der Aufrichtigkeit ihrer Freunde. Sie leiden oft im Stillen. Warum das so ist, wie man das Phänomen erkennt – und wann professionelle Hilfe sinnvoll wird.
    

Foto: © Rita Paulina Kłysik – stock.adobe.com

Schaffe ich die Prüfung? Finde ich einen neuen Job? Selbstzweifel hat vermutlich jede und jeder schon einmal erlebt. Bei manchen Menschen steigern sie sich allerdings bis hin zur Selbst-Verneinung. Trotz guter Leistungen glauben Betroffene nicht an ihr Können. Komplimente und Wertschätzung anderer nehmen sie nur schwer an. Das Phänomen heißt auch "Impostor-Syndrom" oder: "Hochstapler-Syndrom".

Der Begriff stammt aus den 1970er Jahren. Die Psychologin Pauline Clance beschrieb damit einen Stresszustand: Betroffene empfinden persönlichen Erfolg als unverdient - und sie haben Angst davor, als vermeintliche Betrüger entlarvt zu werden.

Warum das Hochstapler-Syndrom keine anerkannte Krankheit ist

Mediziner stufen das Phänomen allerdings bis heute nicht als psychologische Störung ein. „Das Impostor-Syndrom ist ein psychisches Syndrom, aber keine Diagnose", sagt Stefan Röpke, Ärztlicher Direktor und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Oberberg Fachklinik Berlin Brandenburg. „Der Begriff ist nicht so scharf abgrenzbar wie eine psychische Erkrankung."

Medizinisch gibt es deshalb bislang keine eindeutige Klassifizierung. Einige Wissenschaftler versuchten den Begriff einzugrenzen auf Menschen, deren Leiden ein klinisches Ausmaß annimmt. Auch nach strengeren Kriterien ist das Phänomen jedoch laut Studien schwer fassbar und weit verbreitet. Eine oft zitierte US-Studie aus dem Jahr 2011 ergab, dass ungefähr 70 Prozent aller Menschen schon einmal Symptome des Impostor-Syndroms erlebt haben.
    

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Ob und welche Therapie nötig ist, lässt sich so nur schwer sagen: Die Symptome sind vielfältig und unterschiedlich stark - sie reichen von vorübergehendem Lampenfieber bis hin zu chronischem Stress. Auslöser sind oft Veränderungen im persönlichen Lebenslauf wie zum Beispiel eine Beförderung im Job oder das erste Date. Frauen sind durchschnittlich häufiger betroffen als Männer. Oft sind es Menschen in Führungspositionen - die trotz Karriereerfolgs mit sich selbst hadern.

Symptome erkennen: So äußert sich das Impostor-Syndrom

Wer am Impostor-Syndrom leidet, vermeidet herausfordernde Situationen des Öfteren. Betroffene geben etwa vor, krank zu sein oder treten anspruchsvolle Aufgaben ab. Andere haben so starke Selbstzweifel, dass sie selbst Freunden und Kollegen misstrauen: Ist das Lob ernst gemeint? Lächelt sie - oder lacht sie mich aus? In schweren Fällen entwickeln Betroffene psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen.


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Welche Rolle Persönlichkeitsmerkmale und Erziehung spielen

Mediziner vermuten, dass sowohl persönliche Erfahrungen als auch Veranlagungen eine Rolle spielen: „Menschen, die detailbesessen oder sehr genau sind, haben ein größeres Risiko", sagt Röpke. „Hohe Erwartungen im Elternhaus können dazu führen, dass wir auch später höhere Ansprüche an uns haben."

Das aber führe nicht automatisch zu gesundheitlichen Problemen. „Viele Menschen schaffen es, selbst zur Ruhe zu kommen", sagt Röpke. „Bei leichterer Form hilft die Gewöhnung und die Fokussierung auf die eigenen Stärken." Gespräche mit engen Vertrauten könnten ebenfalls dazu beitragen, eine allzu kritische Selbstwahrnehmung zu hinterfragen.

Wege aus dem Hochstapler-Gefühl

In schweren Fällen finden Betroffene Hilfe bei Psychotherapeuten - besonders dann, wenn sie positiven Rückmeldungen von Menschen in ihrem persönlichen Umfeld misstrauen. "In der Therapie finden sie einen sicheren, neutralen Raum, in dem sie sich verstanden fühlen", sagt Röpke. „Von einem Therapeuten können sie eher nicht denken: Das ist ein Freund; der sagt das ja nur so." Betroffene könnten so einen realistischeren Blick auf ihr Leben bekommen, Stärken und Schwächen anerkennen - und Selbstbestätigung erfahren: Ja, ich bin wirklich gut genug.

KNA
Artikel von KNA
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