Muttersprache

Band 162
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Buchprofile - Rezension
Ein kaputtes sprachliches Ökosystem bewirkt, dass ein Junge im zweisprachigen Bozen von Obsessionen befallen wird.
Biagio und Giuliana Prescher leben mit Sohn Paolo und Tochter Luisa in Bozen. Italienisch ist ihre Muttersprache, aber wie in vielen Familien gibt es sprachliche Ungenauigkeiten, Verballhornungen, Südtiroler Dialektausdrücke, vermengt mit italienischen. Der junge Paolo leidet unter den teilweise widersinnigen Wortschöpfungen, er empfindet die Ausdrücke als schmutzig. Vor allem seine Mutter mit ihrer übersteigerten Dramatik zu sprechen bringt ihn förmlich zur Raserei. Er verweigert sich dem Familienleben, hat keine Freunde, schafft trotzdem den Lyzeum-Abschluss. Es verschlägt in nach Berlin, wo er dann überhaupt nicht mehr italienisch spricht. Aber er trifft auf die Studentin Mira di Pienaglossa, in die er sich verliebt, und mit der er dann doch wieder italienisch redet; ein sauberes Italienisch, nicht durchsetzt von sprachlichen Unsauberkeiten. Mira wird schwanger und die beiden fahren nach Bozen, wo sie bei Mutter und Schwester unterkommen. Der Vater hatte sich schon vorher das Leben genommen. Paolo findet aber keine richtige Arbeit, weil er sich seinerzeit geweigert hatte, sich für eine Sprachgruppe zu entscheiden. Sie leben nach wie vor in der Wohnung der Mutter, was nun doch wieder zu Reibereien führt. Und Paolo verfällt wieder verstärkt in seine ursprüngliche Besessenheit mit Abschottung und ungeheurem Waschzwang. Die Katastrophe bleibt nicht aus. - Die Autorin hat die besondere sprachliche Situation der Gegend, speziell der Stadt Bozen, mit ironischer, teilweise übersteigerter Methodik dargestellt. Es gibt reihenweise Dialekt-Ausdrücke, die so nur in dieser Gegend zu hören sind. Notwendige Erklärungen werden aber immer geliefert. Es ist eine doch recht ungewöhnliche Geschichte, aber wer sich für die Besonderheiten der Provinz interessiert, wird das Buch mögen, zumal der Stil - manchmal erinnert er an Luigi Malerba - sehr eindrucksvoll ist. Ein Buch für alle, die auch ungewöhnliche Geschichten mögen.
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Artikelbeschreibung

Von Bozen nach Berlin: Ein junger Mann auf der Suche nach einer unversehrten Sprache und der Schönheit der Wörter.Paolo Prescher ist besessen von Wörtern. Wörter haben für ihn Geruch, Farbe oder Klang. Paolo hasst dreckige Wörter, sie rauben ihm die Luft. Dreckig sind Wörter, die nicht sagen, was sie sagen sollen. Seine Mutter macht ihm die Wörter dreckig, auch seinem Vater, der Aphasiker ist. Paolo leidet unter der Heuchelei der Mutter und der Boshaftigkeit der Schwester. Er hasst seine Geburtsstadt Bozen mit ihrer behaupteten Zweisprachigkeit und ihren Oberflächlichkeiten. Auf der Suche nach einer unversehrten anderen Sprache flüchtet er nach Berlin und trifft dort auf Mira. Sie schafft es, seine Worte zu reinigen. Bis seine Obsession ihn wieder einholt.Die herausragende Entdeckung der italienischen Literaturszene.

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Personeninformation

Maddalena Fingerle, 1993 in Bozen geboren, studierte Germanistik und Italianistik in München und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni München. Das Romanmanuskript Lingua madre hat 2020 den renommierten Italo-Calvino-Preis für das beste unveröffentlichte italienische Debüt gewonnen; nach Erscheinen folgten zahlreiche Preise. Maria E. Brunner, 1957 in Brenner geboren. Universitätslektorin in Italien, 1994-2017 Dozentin und Professorin in Deutschland. Übersetzungen aus dem Italienischen u. a. von Vincenzo Consolo. Literarische Publikationen bei Folio: Berge Meere Menschen (2004), Was wissen die Katzen von Pantelleria (2006) und Indien. Ein Geruch (2009).
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