Die Einsamkeit des modernen Menschen

Wie das radikale Ich unsere Demokratie bedroht
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Buchprofile - Rezension
Ich, Ich, Ich. Macht der Individualismus unserer Zeit einsam?
Laut Martin Hecht kann, wer ständig mit der "Ich-Entfaltung" beschäftigt ist, nicht gleichzeitig am "Wir-Gefühl" arbeiten (S.39). Dabei will der Autor Einsamkeit nicht als Abwesenheit sozialer Kontakte verstanden wissen, sondern als Verlust tiefer emotionaler Bindungen. Er schreibt, dass Freundschaften oft durch Netzwerke ersetzt worden seien, als anschauliches Beispiel dafür führt der Journalist und Autor unter anderem die sozialen Medien an. Plattformen wie Facebook, Instagram und Co seien gerade dazu geschaffen, den eigenen Individualismus zur Schau zu stellen und dort nach Anerkennung zu suchen. Doch das Individuum, dem Anerkennung in sozialen Medien oder sonst wo verwehrt bliebe, leide darunter. Dieser Frust kann zu Hass und Ablehnung führen und gefährde letztlich die demokratische Gesellschaft. - Die Individualismus- und Kapitalismuskritik von Hecht mag auf den ersten Blick plausibel klingen, insbesondere wenn man auf den (social) Media Konsum vieler junger Menschen schaut. Doch steuern wir tatsächlich auf eine Gesellschaft von Egoisten zu? Eben jene "jungen Leute" liefern nicht nur den scheinbaren Beweis für diese These, sie widerlegen diese auch. So zeigen beispielsweise die Fridays for Future-Demonstrationen, dass die Jugend ein starkes Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft entwickelt hat. Das Bild des modernen Menschen, das Hecht zeichnet, ist eindimensional und mit wenig Hoffnung.
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Artikelbeschreibung

Der moderne Individualismus ist zum Problem der westlichen Staaten geworden. Die Befreiung des Ichs führt in übersteigerte Ansprüche nach dem perfekten Leben. Bleibt es aus, folgen Enttäuschung, Aggression, Protest. Am Ende entlädt sich der Frust in der Ablehnung eines ganzen gesellschaftlichen Systems, im Extremfall in Hass. So gefährdet der Individualismus die Demokratie. Ist er als Idee noch zukunftsfähig? Mit der Renaissance ist der Individualismus angetreten, den Menschen aus den Zwängen von Tradition und Glauben zu befreien. Doch diese Freiheit brachte auch Vereinzelung, gemeinschaftsferne Lebensentwürfe und Konkurrenz. Menschen sind plötzlich allein auf sich zurückgeworfen. Die Gesellschaft zerfällt in wenige Gewinner und viele Verlierer. Heute ist das Individuum erschöpft, überfordert - und protestiert: im Schrei nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Einzigartigkeit. Die politische Konsequenz heißt Populismus, Desintegration und Gewalt. Wo ist der Ausweg? Wie kann es uns gelingen, wieder mehr Gemeinsinn zu entfalten - und dennoch uns selbst treu zu bleiben?

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Personeninformation

Hecht, MartinMartin Hecht, geb. 1964, promovierter Politikwissenschaftler, lebt als freier Autor und Publizist in Mainz. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und schreibt u.a. für Die ZEIT, Gehirn & Geist und DER SPIEGEL Online-Nachrichten. www.martinhecht.net
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