Herr Unverwechselbar

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Buchprofile - Rezension
Ein Mann versucht, mit seinem Gesicht auch seine Identität zu retten.
Ein Mann, Herr Unverwechselbar, ist von angenehmen Äußerem und allseits beliebt. Um die positive Resonanz zu bewahren, macht er es sich zur Gewohnheit, Fotos von sich ins Internet zu stellen. Doch eines Tages bemerkt er, dass sein Spiegelbild immer undeutlicher wird, bis schließlich aus seinem Gesicht nur noch ein verschatteter Fleck geworden ist. Dieser Prozess muss aufgehalten werden, er kauft sich ein neues Gesicht. – Es ist das romantische Motiv des Identitätsverlusts, das in diesem Buch eine aktuelle Fassung gewinnt. Peter Schlemihl und Dorian Gray mögen ältere Brüder des Herrn Unverwechselbar sein, doch wird hier die Selbstvergewisserung einer Person durch die heutigen Möglichkeiten der sozialen Medien ungemein verstärkt und beschleunigt. Die beinahe lakonische Sprache der Erzählung forciert bei der Lektüre geradezu diesen Sog des fatalen Selbstverlusts. Hier werden keine traumwandlerischen oder märchenhafte Motive mehr aufgerufen, im Gegenteil: die Sprache selbst bildet das Ausgeliefertsein innerhalb eines durchrationalisierten und technisierten Systems ab. Dem Wunsch des modernen Menschen nach Individualität folgt der Verlust eben dieser. Auf diese These antworten die Bilder: man blättert sich durch Folgen von abgezeichneten Fotografien, die in ihrer Unschärfe und farblichen Verfremdung an Erinnerungsbilder gemahnen, die jeder von seiner Kindheit und Jugend mit sich trägt. Diese Montagen von Porträts, Landschaften und Interieurs erscheinen universal und gleichzeitig individuell, so dass sie die Aussage des Erzähltextes gleichermaßen abbilden und konterkarieren. Ausstanzungen bezeichnen "blinde Flecke", aufklappbare Seiten lassen sich als linearer Fluss von atmosphärischem Erleben lesen. – Diese so anspruchsvolle und klug durchdachte buchkünstlerische Arbeit birgt ein großes Potential zur Reflexion über das Wesen des modernen Menschen.
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Artikelbeschreibung

Er hat ein markantes Gesicht. Wer ihm auf der Straße begegnet, erinnert sich an ihn. Darum nennen die Leute ihn Herr Unverwechselbar. Herrn Unverwechselbar gefällt sein Gesicht. Zufrieden ist er, um nicht zu sagen selbstverliebt. Er mag es, sich zu fotografieren, fotografiert zu werden und Fotos von sich mit der Welt zu teilen. Bis er eines Tages vor dem Spiegel steht und sich nicht mehr erkennt. Verblasst sind die leuchtenden Augen, das Kinn verliert an Kontur. Je mehr Bilder er von sich macht, desto nichtssagender werden seine Züge. Um sich vor dem Verschwinden zu retten, begibt sich der Mann auf die Suche nach einem neuen Gesicht - und zahlt dafür einen hohen Preis.

Produktsicherheit

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Personeninformation

Olga Tokarczuk, 1962 im polnischen Sulechów geboren, studierte Psychologie in Warschau und lebt heute in Breslau. Ihr Werk (bislang zehn Romane, drei Erzählbände und zwei Kinderbücher) wurde in 37 Sprachen übersetzt. 2019 wurde sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Für Die Jakobsbücher, in Polen ein Bestseller, wurde sie 2015 (zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn) mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, geehrt und 2018 mit dem JanMichalski-Literaturpreis. Im selben Jahr gewann sie außerdem den Man Booker International Prize für Unrast. Zum Schreiben zieht Olga Tokarczuk sich in ein abgeschiedenes Berghäuschen an der polnisch-tschechischen Grenze zurück. Joanna Concejo, geboren 1971 im polnischen Slupsk, studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Poznan und lebt heute als Künstlerin und Illustratorin in Paris. Ihre Zeichnungen ähneln Kieselsteinen, die ins Wasser geworfen werden: Sie schaffen Phantasien und Gedanken, die weite Kreise ziehen. Joanna Concejos Bücher erhielten zahlreiche Preise und sind in vielen Ländern erschienen. Lothar Quinkenstein ist Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer aus dem Polnischen. Er übersetzte u. a.: Henryk Grynberg, »Flüchtlinge«; Ludwik Hering, »Spuren«; Wladyslaw Panas, »Das Auge des Zaddik«. 2017 wurde er mit dem Jablonowski-Preis ausgezeichnet; im selben Jahr erhielt er den Spiegelungen-Preis für Lyrik. 2019 erschien bei edition.fotoTAPETA sein zweiter Roman: »Souterrain«. Nach Ludwik Hirszfelds »Geschichte eines Lebens« ist Olga Tokarczuks Roman »Die Jakobsbücher« die zweite gemeinsame Übersetzungsarbeit von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein.

Pressestimmen

»Berührend schön.« Stephanie von Oppen/Deutschlandfunk Kultur über Die verlorene Seele
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