Trauer und KI
Ein Chatbot liefert Trost und Rat binnen Sekunden. Doch Trauernde brauchen ein empathisches Gegenüber. Die Malteser bieten auch schriftliche Begleitung an. Warum das Warten auf eine Antwort sogar hilfreich sein kann.
Foto: © Harald Oppitz/KNA
Die beste Freundin ist gestorben, die Trauer ist groß. Was soll man jetzt nur tun? Die Künstliche Intelligenz (KI) hat sofort eine Antwort: „Einen Menschen zu verlieren, der einem so nahesteht, tut unendlich weh. Eine beste Freundin ist oft viel mehr als nur eine Freundin ... Wenn dieser Mensch plötzlich fehlt, kann sich die Welt ganz anders anfühlen." Es folgen konkrete Vorschläge, den schweren Moment zu überstehen, und die Einladung, sich über die Verstorbene auszutauschen: „Ich bin hier und höre dir zu".
Trauerbegleitung mit KI, kann das funktionieren? Bei einigen Menschen durchaus, sagt Trauerberater Kian Bank. Trauer sei etwas sehr Individuelles, und die Angebote bedienen verschiedene Bedürfnisse trauernder Menschen. Dementsprechend „kommen einige gut mit KI zurecht", erklärt der Mitarbeiter der Malteser. „Andere wünschen sich den Austausch mit einem Menschen."
Trauerbegleitung mit KI, kann das funktionieren? Bei einigen Menschen durchaus, sagt Trauerberater Kian Bank. Trauer sei etwas sehr Individuelles. Und KI sei nicht per se schlecht; „einige kommen gut damit zurecht", erklärt der Mitarbeiter der Malteser. „Andere brauchen den Austausch mit einem Menschen."
Neben analogen Hospizgruppen, Trauercafés und Trauerbegleitung vor Ort bieten die Malteser seit einigen Jahren deshalb eine weitere Möglichkeit, sich in dieser schweren Lebensphase begleiten zu lassen: das Online-Angebot „Via. Trauer neu denken."
Antwort binnen 48 Stunden
Trauernde und Ratsuchende können sich an diese schriftliche Trauerbegleitung wenden. Binnen 48 Stunden erhalten sie dann eine persönliche Antwort von dafür eigens qualifizierten Menschen. Rund 70 Ehrenamtliche stehen dafür laut Bank bereit. Daneben gibt es auf der Seite einen Inforaum rund um das Thema Trauer.
Ein Vorteil des Online-Angebots: Viele Trauernde - junge Eltern, Berufstätige, Nachteulen - kommen abends zur Ruhe und fangen an zu schreiben. Die klassischen Trauerangebote über Tag und an einem bestimmten Ort passen für diese Gruppe weniger. „In einem Trauercafé muss ich mich zeigen. Für manche ist es zu viel, anderen Trauernden zuzuhören. Manche möchten auch anonym bleiben", erklärt Bank. Es gebe zudem Menschen, die noch nicht über ihren Verlust reden könnten, „aber schreiben geht".
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Unperfekt, aber authentisch
Doch warum soll man Stunden oder Tage auf eine Antwort warten, wenn KI sofort, freundlich und wortgewandt reagiert? Diese hat aus Banks Beobachtung „die Tendenz, sehr geschliffen und glatt zu schreiben - viel Sach-, wenig Beziehungsebene und Selbstoffenbarung". Für den 43-Jährigen kommt es bei einer guten Begleitung aber nicht darauf an, perfekt zu antworten. „Gerade das Unperfekte und Authentische schafft einen Resonanzraum - so kann eine Vertrauensebene entstehen."
Für Bank, der eine Gruppe ehrenamtlicher Trauerbegleiter koordiniert, hat die zeitverzögerte Reaktion sogar Vorteile: „Es ermöglicht, dass das Geschriebene - wie beim Austausch mit einem Brieffreund - anders wirken kann. Wenn man warten muss, bekommen Worte eine andere Gewichtung." Mitunter bleiben laut Bank eine trauernde Person und ihr Gegenüber bei den Maltesern über Monate im Austausch.
KI liefert aus der Beobachtung des Trauerberaters „in Sekundenbruchteilen oft beeindruckende Antworten". Diese seien sehr lösungsorientiert. „Aber Trauer ist kein Problem, das gelöst werden muss", erklärt der Malteser. „Der Trauerprozess ist Teil der Lösung und nicht das Problem."
KI simuliert Empathie
Vielmehr gehe es bei guter Trauerbegleitung um eine Haltung: empathisch für das Gegenüber dazusein.
„Ich halte es mit dem anderen aus, dass er ohnmächtig ist und vielleicht kein Verständnis erfährt, wenn er in seinem Umfeld seine Geschichte schon zum achten Mal erzählt hat." KI könne zwar „wahnsinnig einfühlsam formulieren". Sie gehe aber nicht in Resonanz, sondern simuliere Empathie nur. Deshalb könne menschliche Trauer von einer KI nie in allen Dimensionen erfasst werden.
„Empathie lässt sich nicht maschinell simulieren", schreibt auch der Neurowissenschaftler Joachim Bauer in seinem neuen Buch "Fundamental Things". „Der krasse Mangel an Empathie" kennzeichne fast alle digitale Produkte und auch ihre Entwickler. So habe sich Elon Musk selbst als Autist geoutet.
Weil KI keinen Körper hat, könne sie nicht mit dem Gegenüber mitschwingen und in echte Resonanz gehen, erklärt der Wissenschaftler. „Nur Menschen können - ohne sich zu berühren - fühlen, was andere fühlen". Für Bauer ist das eine ebenso erstaunliche Fernwirkung wie die Schwerkraft.
Sensible Daten
Der Neurowissenschaftler hat zusätzlich Datenschutzbedenken. So werde alles, was Nutzerinnen und Nutzer einem KI-Chatbot anvertrauen, von den Anbietern gespeichert. Auch Bank gibt zu bedenken, dass alle KI-Anbieter kommerzielle Interessen verfolgen: „Da weiß man nicht, wem man seine sensiblen Daten gibt." Die schriftliche Trauerbegleitung der Malteser dagegen sei spendenfinanziert, für die Ratsuchenden kostenfrei und finde in einer geschützten Beratungsplattform statt.
KI sieht der technikaffine Malteser nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Seit der Einsatz von KI-Chatbots vor etwa zwei, drei Jahren immer beliebter wurde, hätten die Malteser keinen Rückgang von Anfragen erlebt. „Wir möchten da sein für Menschen als Menschen und lassen uns berühren von den Nachrichten - sonst sind wir wie die KI." Für Bank ist es „ein großes Geschenk", Menschen in ihrer Trauer begleiten zu können: „Das möchten wir nicht an eine KI abtreten".



