Obacht, Bayern!

Das Bayern-Klischee in historischen Humorpostkarten
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Bayern im Buch-Rezension
Ein Land und sein Klischee in historischen Humorpostkarten.
Wer verschickt im Internet-Zeitalter noch bunte Ansichts-Postkarten? Allenfalls sind sie noch ein Thema für Sammler nostalgischer Objekte, immerhin wurden um 1900 in Deutschland jährlich rund eine Milliarde Exemplare verschickt. Ein Grund für diesen Boom war der damals aufkommende Tourismus, bei dem die bunten Bildbotschaften von Reisenden zwingend dazugehörten. Die daheim gebliebenen sollten schließlich bewundernd teilhaben an den Exkursionen, selbst wenn diese nur ins nahe Bayern ging. Als Reiseziel war das Königreich und später der Freistaat schon damals überaus beliebt, die Geschäfte im Fremdenverkehr, ob Gastronomie, Brauereien oder Handel, profitierten davon prächtig. Ein besonderer Verkaufsschlager waren dabei die weit verbreiteten Bild-Humor-Postkarten, teils derb, teils satirisch, immer bunt und sehr oft sogar künstlerisch interessant, verbreiteten sie nicht nur fantasievolle Ansichten von Bergen und Seen, feschen Dirndln und Gemsen auf der Höh, sondern gerne auch das Klischee vom tumben bayerischen Rundschädel, der nichts lieber tut als jagern, fensterln, raufen, beim Bier hocken und über die Preißn lästern. Eine ausufernde Kollektion von Klischees im handlichen Format, an denen sich die Bayern (wie es scheint) nicht wirklich störten, vielmehr an ihrer profitablen Verbreitung gerne mitwirkten und offenbar ihren Spaß daran hatten. Der opulent bebilderte und üppig ausgestattete Prachtband widmet sich dem scheinbar leichtgewichtigen Thema mit so viel Sorgfalt und einem so engagierten Blick auf die historischen Hintergründe, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Wobei die Sammlung, die Dietlind Pedarnig zur Verfügung stand, riesig gewesen sein muss, entsprechend umfassend sind die Detailkenntnisse der Autorin. Das Quellenstudium – 1700 Karten, fast alle ausgiebig kommentiert – muss viel Spaß gemacht haben. So entstand ein besonderer Spiegel der Zeit zwischen 1870 und 1945, ernsthafte Historiker werden ohne diesen Blick auf den Humor im Bayern-Klischee künftig nicht mehr arbeiten wollen.
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Artikelbeschreibung

Als 1870 die erste deutsche Postkarte ihre Reise antrat, nahm dieses schnelle und kostengünstige Kurzmitteilungsmedium einen niemals erwarteten, rasanten Erfolgskurs auf. Zur Blütezeit der Postkarte um 1900 wurden deutschlandweit bereits jährlich eine Milliarde von ihnen verschickt. Der zu dieser Zeit aufkommende Tourismus hat zu diesem Boom mit Sicherheit wesentlich beigetragen. Ein absoluter Verkaufsschlager: das Genre der sogenannten Humor- (auch Scherz- oder Jux-)Karten. Bayerische Verlage machten mit Darstellungen des Bier saufenden, schuhplattelnden, bauernschlauen, raufenden Bayern profitable Geschäfte und mit ihnen Illustratoren, Maler und Grafiker. In Höchstgeschwindigkeit und nahezu bis heute in seinen Stereotypen unverändert verbreitete sich das Bayern-Klischee in alle Welt.Der Band zeigt eine breite Auswahl historischer Humorpostkarten (1870-1945) und deckt Zusammenhänge von aktueller Brisanz auf. Wie verstörend wirkt es heute, wenn die gezeigte selbstbewusst-überhebliche »Mia san Mia«-Mentalität oder etwa der Patriotismus in Kriegszeiten das Fremde, Andersartige, das eben nicht zur Stereotype passt, lächerlich macht, es ausgrenzt, diskriminiert, zum Feindbild erklärt? Ein bislang nicht gehobener sozio-kultureller Schatz ...

Produktsicherheit

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Personeninformation

Dietlind Pedarnig, geboren 1960 in München, studierte Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Musikwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München und arbeitet heute als Lektorin im Allitera Verlag. Hier erschien von ihr u._a. der Prachtbildband »Münchner Palais« (2016, überarbeitete Neuauflage 2022), in Zusammenarbeit mit Konstantin Köppelmann.

Pressestimmen

"´Muss´ für alle, die Geschichte als bildhafte Erzählung lieben und dabei auch noch ihren Spaß haben wollen.", Literatur in Bayern "Die gebürtige Münchnerin Dietlind Pedarnig, studierte Germanistin und Kunsthistorikerin, hat im kleinen, aber feinen Allitera Verlag einen gewichtigen Bildband im Format eines Altarmessbuchs herausgebracht, der Hunderte, nein Tausende dieser komischen, witzigen, heutzutage nicht selten befremdlichen und emporenden, aber auch rührenden und in jedem Fall aufschlussreichen Ansichtskarten locken und ihnen zu demonstrieren vereint: ein vergnüglicher Grundkurs in Zeit-, Kultur- und Mentalitatsgeschichte mit dem Ergebnis, dass es hier kaum Entwicklungen und Veränderungen gab.", Allgemeinen Laber Zeitung Allgemeinen Laber Zeitung "Allitera-Lektorin Dietlind Pedarnig hat darin auf 480 Seiten mehr als 1700 Abbildungen von passenden Postkarten versammelt. In Seeon ist nur ein kleiner, aber gut ausgewählter Teil davon zu sehen. [...]", Süddeutsche Zeitung Süddeutsche Zeitung
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