Inventur des Sommers

Über das Abwesende
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Buchprofile - Rezension
Nicht so naheliegend: Schrotts atheistische Religion des Abwesenden.
Wie kann man eigentlich über das Abwesende schreiben? Abwesend heißt ja nicht ‚verschwunden‘, sondern ‚anderswo‘ (im Code civil). „Spur“ und „Aura“ verraten, wie nah oder wie fern uns dieses Abwesende ist (Walter Benjamin), und man kann (wie der irische Bischof Berkeley) fragen, was denn ein Baum sei, wenn niemand da ist, der ihn als solchen wahrnehme. Der Dichterphilosoph Raoul Schrott geht in Essays und Gedichten, die vielfach auf einer Griechenlandreise während des zweiten Lockdowns entstanden sind, an das Abwesende heran. Er ortet es in den Zwischenräumen des Nachdenkens über das, was nicht sicht- oder hörbar ist: Meerjungfrauen und Musen, Güte und Gesetze, aber auch reale Personen in der Ferne von Raum oder Zeit. Was beim Picknick mit Cameron Diaz in Kappadokien und mit Kim Basinger in Anatolien passiert, wie ein Steinsockel vom Prometheus im Kaukasus erzählt, wofür der Minengoldräuber Butch Cassidy 1917 seine letzte Patrone verwendet, wie die Musen aus dem Quell heraus- oder in einen Schaffenskreis hereingerufen werden, wozu der Dichter einer schönen Tischnachbarin, die gerade einmal in den Garten geht, einen Zettel in die Handtasche steckt: das notieren die Gedichte im Licht eines aufgeklärten, immer religiös offenen Denkens. Die essayistischen Passagen erschließen die Herkunftsfamilien des Abwesenden und beweisen, warum der Dichter sich Leitern statt Flügel wünscht: um immer besser scheitern zu können. Eindringliche Texturen, klug, anregend, sehr empfehlenswert.
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Artikelbeschreibung

"Weltklasse. Wenn Raoul Schrott noch nicht berühmt wäre, würde er es mit diesem Buch." Karl-Markus GaußLockdowns und Krieg haben in unserer Gegenwart große Lücken aufklaffen lassen. Raoul Schrotts formensprengende Gedankengedichte erkunden, wie sehr unser Denken, Handeln und Fühlen vom Absenten geprägt ist. Vermag es die Poesie, das Verlorengegangene wiederzubringen? Was bleibt und was lassen wir zurück, wenn wir gehen? Kunstvoll, klug und sinnlich rückt dieser zwischen Essay und Lyrik mäandernde Band ein buntes Kaleidoskop jener zersprungenen Momente vor Augen, die unser Leben ausmachen - ob zu Hause, im Zeitgeschehen oder auf einer Reise zu den Kultstätten der Musen, ob in wahren Geschichten, Totenreden oder Jubelfeiern.

Produktsicherheit

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Personeninformation

Raoul Schrott, geboren 1964, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Peter-Huchel- und den Joseph-Breitbach-Preis. 2023 hatte er die Ernst-Jandl-Dozentur der Universität Wien inne. Bei Hanser erschien u.a. »Erste Erde« (Epos, 2016), »Politiken & Ideen« (Essays, 2018), »Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal« (Roman, 2019), »Inventur des Sommers« (Über das Abwesende, 2023) und zuletzt das einzigartige Buchprojekt »Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit« (2024).

Pressestimmen

"Auf der Suche nach dem Verlorenen streift Raoul Schrott durch die griechische Mythologie, Popkultur und Geschichte der Menschheit. Und egal, ob Essay, Gedicht oder Randnotiz: Die Schriften ergänzen sich und wachsen doch zur eigenen literarischen Schöpfungen, klug und poetisch zugleich." Jakob Stärker, WDR 5 Bücher, 20.03.23
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