Blinde Geister

Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025
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Buchprofile - Rezension
Roman über generationenübergreifende Kriegstraumata.
Olivia ist Tochter eines kriegstraumatisierten Vaters und erlebt in den 60er Jahren von Kindesbeinen an mit ihrer Schwester Martha, wie die Eltern Karl und Rita mit den Belastungen umgehen. Selbst sprachlos suchen sie mit ihren Kindern immer wieder Schutz vor einem irrealen Angriff der Russen im Keller, horten und prüfen Vorräte und sind so eng aufeinander bezogen, dass sich Olivia trotz des funktionierenden Familiengefüges außen vor fühlt. Erst bei der ersten eigenen Wohnung ploppen auch bei ihr vererbte posttraumatische Belastungsstörungen auf, die sie mittels Therapie und Aufenthalt in einer Psychiatrie in den Griff bekommt und – nach einigen partnerschaftlichen Irrungen – eine Familie gründet. Ihre emanzipierte Tochter Ava hält Mutter und Großeltern den Spiegel vor und ist dann Vertreterin der ersten Generation, die seit 2022 realen Ängsten vor einem erneuten Krieg gegenübersteht. – Fein spinnt Lina Schwenk das Familiengeflecht, generiert eine düstere Stimmung, die die Last einer Kriegsgeneration differenziert über Generationen spürbar macht. Das Auflösen des Absurden wird durch die Gegenwart gebrochen und macht so den schmalen Roman zu einer erneuten Frage an die Berechtigung von Ängsten und Nöten. Nüchtern und berichtartig erzählt die Autorin aus der Sicht von Olivia. Manchmal mutet die Lektüre mühevoll an, da das Erleben schmucklos bleibt und die Leserschaft der Erzählung so hilflos ausgeliefert ist. Das Besondere erscheint rückblickend. Weder appellativ noch mahnend noch tröstend wollen die "blinden Geister" schweben. Es bleibt ein unbewertetes Einzelschicksal, das gesellschaftliche Relevanz bekommt.
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Artikelbeschreibung

Wie kann man die eigene Familie schützen und sich gleichzeitig vor ihr bewahren?

Interview (PDF)

Manche Worte brauchen ein ganzes Leben, um anzukommen.
Olivia wächst im friedlichen Deutschland der 50er-Jahre auf und doch trägt beinahe jeder Tag ein Stück Vergangenheit in sich. Wenn der Vater wieder und wieder die Lebensmittelvorräte überprüft oder der Lehrer die Kinder im Turnunterricht durch selbst gebaute Schützengräben kriechen lässt. Erst als Erwachsene begreift Olivia, wie stark sie von einer Generation bestimmt ist, die es nie gewagt hat, laut zu hoffen und beginnt, sich auf ungewöhnlichen, teils skurrilen Wegen von den Erinnerungen der anderen zu befreien. «Blinde Geister» ist eine bewegende Familiengeschichte, die vom Nachkriegsdeutschland bis in die Gegenwart führt und von der Frage erzählt: Wie können wir die eigene Familie schützen und uns gleichzeitig vor ihr bewahren?

Olivia, die Tochter von Rita und Karl, kennt seit jeher die Angst der Erwachsenen vor einem erneuten Krieg, obwohl seit Jahren Frieden herrscht in Deutschland. Beharrlich überprüft Karl die Speisekammer auf Vorräte, und immer wieder sucht die Familie gemeinsam Zuflucht im Keller, wenn der Vater den Einfall der Russen fürchtet. Für Olivia und ihre Schwester Martha ist es ein Spiel, dem sie sich still fügen, auch weil sie längst wissen, dass den Eltern die Worte für Erklärungen fehlen und das Schweigen nur umso lauter wird, je mehr sie fragen. "Bald bin ich tot", denkt auch Olivia, als die Unruhe der Eltern schleichend zu ihrer eigenen wird. In ihrer ersten eigenen Wohnung fehlt Olivia der Keller dieser kleine Schutzbunker ihrer Kindheit, der immerhin eins bedeutete: Familienzeit. Die langen Risse, die von den Eltern bis in ihre Generation reichen, erkennt sie erst, als sie ihre eigene Tochter vor jenem Bedrohungsgefühl zu schützen versucht, das durch neue Konflikte in Europa plötzlich erschreckend real wird. "Blinde Geister" ist ein vielschichtiger und berührender Roman, der vor dem Hintergrund deutscher Zeitgeschichte tief verwurzelte Ängste freilegt und mit feinem Gespür das Sonderbare und Entrückte im Menschen ergründet.

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Personeninformation

Lina Schwenk, geboren 1988 in Bochum, arbeitete zunächst als Krankenschwester und in der medizinischen Flüchtlingshilfe. Anschließend studierte sie Medizin in Witten, Saint-Étienne und Cardiff und ist seither als Ärztin tätig. «Blinde Geister» ist ihr erster Roman, der mit dem GWK-Förderpreis und dem Publikumspreis des Harbour Front Literaturfestivals ausgezeichnet wurde. Der Roman wurde außerdem für den Alfred-Döblin-Preis, den ZDF-«aspekte»-Literaturpreis und den Deutschen Buchpreis nominiert.

Pressestimmen

"... einer so poetischen, eindringlichen Sprache, dass einem die Protagonisten auf fast schon beunruhigende Weise nahe kommen und man beim Zuklappen des Buches diesen leisen Stich des Abschiednehmens spürt."
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Melanie Mühl

"Behutsam und doch eindringlich."
SPIEGEL, Felix Bayer

"Lina Schwenk ergründet in ihrem Debütroman ‚Blinde Geister‘ auf so eindringliche Weise das Seelenleben der Nachkriegsgeneration, dass man meinen könnte, sie hätte diese Zeit selbst durchgemacht ... Schwenks Feingefühl und ihrer Fähigkeit zur Empathie verdanken wir ein fesselndes Buch über Erinnerung und Nähe."
Galore, Anna Chiara Doil

"Die handwerkliche Ökonomie von Lina Schwenks Debüt ist bewundernswert, verdient kam es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises."
Süddeutsche Zeitung, Gustav Seibt

"Besonders überzeugend ist ihr genauer Blick für Details, ihre Befähigung, charakteristische Episoden in gut sitzende aufs Wesentliche konzentrierte Sätze zu fassen. Lina Schwenk gelingt es, … ein ganzes Frauenleben vor den Leseraugen entstehen zu lassen. … Ein bemerkenswertes Debüt."
Deutschlandfunk Büchermarkt, Julia Schröder

"Blinde Geister ist ein Roman, der an einem Nachmittag gelesen werden kann, aber lange nachhallt. Das Buch bietet Einblicke in die Weiterwirkung von Geschichte in Familien und präsentiert sich als literarisch präzises und emotional waches Debüt."
Ippen Media, Sven Trautwein

"Man merkt das Wissen der Autorin um altersbedingte Lebensprobleme, von denen hier sensibel erzählt wird. Mehr noch beeindruckt jedoch die Präzision, mit dem Schwenks Roman zeigt, wie familiäres Schweigen in der Kindheit („Wir reden nie besonders viel“, berichtet die Zehnjährige) zu anhaltenden Verletzungen führen kann."
tagesspiegel.de, Oliver Pfohlmann

"Es ist der Rhythmus ihrer Sätze, es ist der Klang. Sie hat ein Gespür für die richtigen Wörter. Ein Buch ohne jede Phrase."
F.A.Z.-Bücher-Podcast, Melanie Mühl

"Die Autorin schreibt nicht als einzige über das Thema transgenerationale Traumata. Doch hat sie einen so besonderen, klugen und feinfühligen Zugang gefunden ... wunderbares Debüt."
TAZ, Carola Ebeling

"Dieser Roman sollte Schullektüre sein."
Domradio, Johannes Schröer

"Eine berührende manchmal fast absurde Familienchronik ..., ohne jemals ins Fach schwere psychoanalytische Kost abzugleiten. Nein, sie trifft stets diesen feinen Ton zwischen Tragik und liebevollem Humor."
WDR Westart lesen, Klaus Prangenberg

"Die Kriege der Gegenwart sind nahe an uns dran. Wir alle wissen das, und das macht diesen schmalen Roman so ergreifend"
Bücher Magazin, Katharina Manzke

"Unter der Kürze des Romans leidet die psychologische Tiefe nicht – im Gegenteil: Die erzählerische Verdichtung einer ganzen Familie ist bemerkenswert."
WELT am Sonntag, Cynthia Cornelius

"Dass die Wunden des Zweiten Weltkriegs noch lange nicht verheilt sind, führt diese einfühlsame Frauenbiographie eindrucksvoll vor Augen."
literaturkritik.de, Miriam Seidler

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