Das andere Mädchen

Band 1539
Nobelpreis für Literatur 2022 | Der berührende Brief der französischen Bestsellerautorin an ihre tote Schwester
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Buchprofile - Rezension
Brief an die Schwester: Annie Ernaux schreibt über ein literarisches Schlüsselereignis und eine Geburtsfigur ihres life writings.
In ihren Büchern hat die Nobelpreisträgerin Annie Ernaux manchmal von einem rätselhaften anderen Mädchen gesprochen. In ihrem jüngst von Sonja Finck ins Deutsche übersetzten Text macht sie es zur Hauptfigur, einer Schlüsselfigur zu ihrem eigenen Schreibleben. Im Alter von zehn Jahren belauschte sie ein Gespräch ihrer Mutter mit einer Geschäftskundin. Die Mutter erzählte, sie und ihr Mann hätten vor dem Krieg eine andere Tochter gehabt, die 1938 an Diphtherie gestorben sei. Es war die Schwester der Autorin, die sie nie kennengelernt hat. Aus den Äußerungen der Mutter über die letzten Worte der frühverstorbenen Schwester und ihr vermeintlich ‚viel lieberes‘ Wesen macht sie einen Brief. Und der ist ergreifend in seiner rigorosen Wahrhaftigkeit. Annie Ernaux hat keine Scheu, eigene Eifersuchts- und Zornesaufwallungen wegzuerklären, sie kennt die Psychoanalyse und die Probleme des Stolzes auf ihr Überleben als Schuld, sie durchdringt das Schweigen der Eltern und entlarvt die frommen Lügen der Fotografien, auf denen sie sich selbst mit ihrer Schwester hat verwechseln lassen. Beeinflusst hat die tote Schwester auch den eigenen Lebenslauf, ihre Krankenanamnese, die sexuelle Initiation und die schulische Entwicklung; Annie Ernaux bekam einmal von ihrer Schuldirektorin zu hören, es gebe auch hochintelligente Kinder, die nicht gottgefällig seien. Entstanden ist daraus ein Brief an ein anderes Mädchen, das fern ist und der Autorin dennoch ungemein nahekommt, ein Sendschreiben an und über eine Tote, der sie vielleicht den Worten der Dichterin zufolge mit jenem Rest magischen Denkens erreichen könnte, den sie religiös zu nennen sich scheut. Sehr zu empfehlen.
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Artikelbeschreibung

Nobelpreis für Literatur 2022Ein Sonntag im August 1950, die kleine Annie spielt draußen im Garten, ihre Mutter steht am Zaun und plaudert mit der Nachbarin. Eine folgenreiche Plauderei, denn so erfährt Annie, dass ihre Eltern vor ihrer Geburt bereits eine Tochter hatten, die sechsjährig an Diphtherie gestorben war. Über diese Schwester wird Annie von ihren Eltern niemals wieder ein Wort hören und sie wird ihrerseits niemals nach der Verstorbenen fragen.
Doch auch dieses dauerhafte Beschweigen formt eine Geschichte und verleiht der toten Schwester - dem anderen Mädchen - eine Gestalt. Und es prägt Annies Persönlichkeit und Charakter, die Identität der Nachgeborenen.
Vier oder fünf Fotografien, das Grabmal, einige wenige Gegenstände, ein paar Murmeln - darüber versucht Annie Ernaux Jahrzehnte später dem Leben ihrer ungekannten Schwester schreibend auf die Spur zu kommen. Annie Ernaux hat einen Brief an ihre Schwester geschrieben, die sie nicht hat kennenlernen können - einen Brief von überwältigender Klarheit und zarter Traurigkeit, über Trennendes und Gemeinsames, über Kindheit und Geschichte und über Schicksalsschläge, die eine Familie auf immer verändern.

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Pressestimmen

»Das andere Mädchen ist keine Klage, keine noch so abgeklärte Betroffenheitsliteratur. Es ist ein beobachtendes Buch, die Zusammenfassung vieler Überlegungen, die jetzt kühl und haargenau hingeschrieben (und von Sonja Finck kühl und haargenau übersetzt) werden können.« Judith von Sternburg Frankfurter Rundschau 20221113
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