Der heilige Josef: Ein Held, der eigentlich keiner sein will
Mit dem heiligen Josef beginnt der Abschied vom Patriarchat – ein Abschied, der in der Kirche nach 2.000 Jahren immer noch nicht vollzogen ist, meint der Publizist Heribert Prantl. Man kann unglaublich stolz sein auf diesen Mann. Er hat die Weihnachtsrevolution mitgemacht und mitgetragen. Es kommt etwas ganz Neues zur Welt, das nicht männlicher Macht entspringt.
Josef und der Jesusknabe im Gemälde „Die Kindheit Christi“ von Gerrit von Honthorst, um 1620. Foto: © IMAGO/Heritage Images
Der 19. März, der Josefitag, sollte wieder Feiertag werden. Es gibt an diesem Tag etwas Sensationelles zu feiern. Was ist das Sensationelle? Dieser heilige Josef ist Kirchenpatron, er ist der Schutzheilige der Arbeiter. Aber das weiß ja jeder, der mit dem kirchlichen Leben einigermaßen vertraut ist. Das ist nicht die Sensation. Die Sensation ist die: Der heilige Josef ist der Held und der Schutzheilige der Emanzipation. Mit ihm beginnt also eine Revolution, auf die die römisch-katholische Kirche ungeheuer stolz sein könnte, gegen die sie sich aber bis zum heutigen Tag wehrt. Josef ist der Held der Weihnachtsrevolution: Mit dem heiligen Josef beginnt der Abschied vom Patriarchat.
Josef, der gutmütige Kerl im Stall
Das mochten die Patriarchen so lange nicht zur Kenntnis nehmen: Seit Jahrhunderten steht dieser Mann daher wie überflüssig herum. In vielen Darstellungen hält er eine Laterne in der Hand, auf dass er zu irgendetwas nütze sei. Er beleuchtet die Krippe, in der das Kind liegt. Er ist ja nicht dessen biologischer Vater, sondern dessen Nähr- und Ziehvater; der rechtliche und soziale Vater, wie man das heute nennt. Die Evangelisten erklären dazu: Maria ist schwanger vom Heiligen Geist. Aber von dem hört und sieht man im Stall zu Bethlehem nichts. Und so kommt Josef zur besten Nebenrolle der Welt: Weil er ein so gutmütiger Kerl ist, darf er mit hinein in den göttlichen Stall.
Diese ikonografische Laufbahn hat freilich ziemlich lange gedauert; alte Krippendarstellungen zeigen nur Maria und das Kind. Mittlerweile ist der heilige Josef, neben Ochs und Esel, zur vertrauten Staffage geworden. Aber weil niemand auf die Idee kommen soll, Josef könnte vielleicht doch der biologische Vater sein, hat man ihn beizeiten zum alten Mann gemacht. Das ist Unfug, nach den biblischen Texten war er ziemlich viril, denn Jesus hat einen Haufen Brüder und Schwestern gehabt (siehe Mt 13,55ff.). Weil Maria aber in der katholischen Dogmatik ewige Jungfrau ist, macht die Exegese lustige Verrenkungen, sie zu „Vettern und Basen“ zu erklären. Josef widersetzt sich nicht der Rollenbeschreibung, die ihn zum Opa macht: In der ganzen Bibel redet er nichts; kein einziges Wort aus seinem Mund ist überliefert. Er gilt daher als ein wenig trottelig, als gutmütiger Tropf, als heiliger Adabei. Das ist falsch. Es ist Zeit für die Rehabilitierung des heiligen Josef.
Josef ist von Beruf Zimmermann, und ein mutiger Mann ist er nicht nur deswegen, weil er zupackend ist und die Mutter und ihr Kind schützt – erst vor dem Gesetz, das mit der Steinigung der ungetreuen Frau drohte; dann vor König Herodes und seinen Todesschwadronen, die das Neugeborene umbringen wollten. Josef floh deswegen mit Maria und dem Kind nach Ägypten. So steht es in der Bibel. Die Evangelien legen Wert darauf, Josef als beherzten Mann zu zeigen. Deswegen ist Josef ein Held des Alltags. Aber er ist noch viel mehr: Er hat die Weihnachtsrevolution mitgemacht. Diese Revolution ist der verborgene Kern des unwahrscheinlichsten Teils der Weihnachtsgeschichte – der Erzählung von der Jungfrauengeburt.
Jungfrauengeburt als Freiheitsbegriff
Die Kirchenlehrer haben die Geschichte von der Jungfrauengeburt fast zwei Jahrtausende lang missbraucht, um die Sexualität zu verdammen, um Jungfräulichkeit und sexuelle Enthaltsamkeit als das große Ideal zu preisen. Die Kirchenlehrer haben aus der Jungfrauengeburt eine Sexuallehre, ein sexuelles Dogma gemacht, sie haben so getan, als sei die Lehre von der Jungfrauengeburt ein Spezialgebiet der Sexualkunde. Geschlechtsakt und Zeugung werden aus dieser Sicht zu einem Akt der Befleckung, nur Maria darf als die „Unbefleckte“ beschrieben werden. Das ist ein Missverständnis.
Jungfrauengeburt meint etwas ganz anderes: nichts Biologisches, sondern etwas Geistliches. Die Wahrheit über diese Jungfräulichkeit findet man nicht bei einer gynäkologischen Untersuchung. Die Evangelisten, die von der Jungfrauengeburt schreiben, sind Theologen, keine Sexologen. Sie sprechen nicht von der menschlichen Fortpflanzung, sondern vom Fortschritt des Menschlichen. Die Jungfrauengeburt ist Chiffre für die emanzipatorische Idee, sie ist ein Freiheitsbegriff. Die Sprache der Bibel und des Credos ist hier eine mythische, keine historische oder naturwissenschaftliche.
„Jungfrauengeburt“ soll besagen, dass etwas ganz Neues zur Welt kommt, das nicht männlicher Macht entspringt. Die Weihnachtsgeschichte beginnt mit dem Abschied vom Patriarchat. Das Neue kommt ohne Zutun männlicher Potenz zur Welt – durch die Kraft des Geistes. „Geist“ ist in der hebräischen Bibel feminin, eine „Die“, eine schöpferische, weibliche, pfingstliche Kraft: Sie reformiert, sie revolutioniert, sie macht neu. Daher heißt es im Magnifikat, im Lobgesang Marias: „Gott stürzt die Mächtigen vom Thron.“ Es ist dies ein Lobpreis auf die Revolution der Machtverhältnisse.
Die Legende von der Jungfrauengeburt legt die Axt ans Stammbaum-Denken und die klassischen Machtstrukturen. Die Geschichte, dass alles vorbestimmt ist durch die Abstammung und dass es nur einen Vater geben kann, ist zu Ende. Die Weihnachtsgeschichte ist also auch eine tröstliche Geschichte für all die Menschen, die in komplexen Familienstrukturen leben. Schon für das Kind in der Krippe sind die Verhältnisse kompliziert. Aber es wird dort nicht, wie heute so oft, um die Rangordnung von Vätern und die richtige Zuordnung von Kindern gestritten: Ist es derjenige, der mit der Mutter verehelicht ist? Ist es der, der es zeugt, oder der, der es wickelt? Man kann erschrecken über das Gezerre, das vor den Gerichten stattfindet, wenn es darum geht, ein Kind aus dem Kreidekreis der Begehrlichkeiten auf eine Seite zu ziehen.
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Abschied von Machtstrukturen
Josef ist der Antityp zum patriarchalen Männerbild. Deswegen belächelte man ihn mitleidig als heiliges Weichei, machte aus ihm einen alten, impotenten Mann. Viele Jahrhunderte lang galt ein strikt antijosefisches Männerbild. Immer war die gekränkte Mannesehre am Werk und die Vorstellung, die Frau gehöre dem Mann – und wenn sie fremdging und schwanger wurde, dann war die Leibesfrucht ein „falsches Früchtchen“, ein fremdes Gut, das weggeworfen gehörte.
Die Weihnachtsgeschichte ist der Abschied von diesen und anderen klassischen Machtstrukturen; die Weihnachtsgeschichte lehrt den Auf- und Ausbruch aus den überlieferten Verhaltensweisen, sie lehrt den Neuanfang. Eine josefinische Kirche wäre eine, die den Frauen den Rang gibt, der ihnen gebührt. Es gab die reformatorischen Neuanfänge, die anti-patriarchalen Aufbrüche immer wieder: Franz von Assisi, der sich von seinem reichen Vater lossagte; Luther, der zuerst, als er Mönch wurde, seinem Vater den Gehorsam aufkündigte und später dann auch noch dem Papst. Die Neuanfänge erleiden oft das Schicksal, dass die alten Kräfte sie wieder einholen. Dann wird aus der revolutionären Idee von der Jungfrauengeburt ein sexuelles Dogma. Dann werden aus einst friedensbewegten Menschen Minister, die den Abwurf vom Bomben befehlen. Dann wird aus einem Hochschullehrer für Menschenrechte ein Präsident, der extralegale Hinrichtungen per Drohne anordnet.
Gleichwohl: Den Glauben an das Recht zum Abschied vom alten Denken, den Glauben an die Freiheit, aus den alten Festlegungen auszubrechen, den sollte man sich nicht nehmen lassen. Es ist der Weihnachtsglaube. Josef hat ihn gelebt. Deswegen ist er ein Held – ein Held, der eigentlich keiner seiner will. Es bräuchte eine Vermehrung der Josefs in dieser Welt; dann würde sie menschlicher.
Heribert Prantl
Politischer Publizist, früherer Leiter der innenpolitischen Redaktion der Süddeutschen Zeitung und Chef des Meinungsressorts, langjähriges Mitglied der Chefredaktion. Als Kolumnist und Autor ist er der Süddeutschen bis heute treu geblieben.
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